Alan Moore und Kevin O`Neill - Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier (Panini Comics)

Alan Moore und Kevin O`Neill – Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier (Panini Comics)

Großbritannien 1958: Der Kalte Krieg ist ein guter Nährboden für Spionage. Zwei Mitglieder der aufgelösten Murray-Gruppe suchen eine streng geheime Akte, die alle bekannten Fakten über ihre eigene, ungewöhnliche Liga enthält, nämlich das legendäre „Schwarze Dossier„. Können sie in diesem so unvertrauten 20. Jahrhundert überhaupt Erfolg haben?

Dieser hochwertige Band erscheint im Stil einer gebundenen Akte mit verschiedenen Papiersorten. Ergänzend zum Comic gibt es Hintergrundtexte und aufwändig gestaltete 3-D-Seiten. Inklusive einer 3-D-Brille von Kevin O’Neill!

Von Comic-Legende Alan Moore!

Endlich als deutsche Ausgabe erhältlich!

Meinung zum Buch:

Alan Moore ist schon ein geschickter Hund. Immer wieder gelingt es ihm in seinem Schaffen, alte Muster zu durchbrechen, Genres auf den Kopf zu Coverstellen oder einfach was völlig unerwartetes zu kreieren. Dazu liefert er zudem auch noch Material, welches sich nahezu immer auf einem sehr hohen Niveau befindet. Genau dieses Talent macht ihn auch seit Jahren zu einem der interessantesten Comic-Autoren der Gegenwart, der es tunlichst vermeidet, auf der Stelle zu treten.

Seit 1999 arbeiten Autor Alan Moore und Zeichner Kevin O’Neill an der Reihe „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“. Die Reihe beginnt im Jahr 1898, wo sich eine Gruppe literarischer Figuren zusammenschließt, um den Kampf gegen die Feinde des britischen Empires aufzunehmen. Das Merkmal der Geschichten ist es, sich der Figuren, Motive und historischen wie fiktionalen Momente des jeweiligen Handlungsspielraums zu bedienen, so dass ein wilder und rahmensprengender Genre-Mix herauskommt. Man trifft auf Alan Quatermain, John Carter, Dr. Moreau und den Zeitreisenden aus der H.G. Wells-Geschichte und alle kämpfen sie gemeinsam für das Wohl der britischen Krone.

Alan Moore erweist sich als ziemlich cleverer Erzähler, der über ein unglaublich breitgestreutes und fundiertes Wissen zeitgenössischer und klassischer Literatur verfügt. Dies zeigt sich in seinem Kunstgriff, fiktive Protagonisten zu kombinieren und dabei nicht davor zurückschreckt, Chaplins A. Hynkel in die Umgebung von Orwells 1984 zu verfrachten, eine Prise James Bond und M einzubauen und alles mit einem Schuss Erotik und der Nutzung von geschickt eingebauten 3D-Effekten abzurunden.

Das schwarze Dossier (212 Seiten, €29,99) erscheint bei Panini Comics als unglaublich liebevoll gestaltetes kleines Kunstwerk, welches auf geniale Weise Literatur und Comic verschmelzen lässt. Eine ansprechend gestaltete Softcover Klappenbroschur ist der Umschlag für ein in Dossier-Form aufgemachtes Projekt, welches sich der normalen und vertrauten Erzählform widersetzt. Verschiedene Papierformate und Papiertypen setzen eine Mischung aus Zeitungsausschnitten, eingestreuter Werbung, kleinformatigen Heftchen, Auszügen aus Büchern, Strips, Graphic Novels, Prospekten und Postkarten zusammen (zum Ende des Comics findet man sogar Passagen in 3D mit beiliegender Spezialbrille vor), wie man es in dieser Form noch in keinem Comic erlebt haben dürfte. So ist die Geschichte um ein ehemaliges Agentenpärchen im London des Jahres 1958 die (später etwas ausgedehntere) Rahmenhandlung, um die Inhalte des sagenumwobenen „schwarzen Dossiers“, welches Informationen über die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen enthalten soll, darzustellen. Diese enthüllen Mythen, Fakten, Geheimnisse und delikate Randnotizen nicht nur über die eine Liga, sondern enthüllt zudem auch, dass es noch viele andere, ähnlich strukturierte Gruppierungen gibt und gab. Dabei ist das Dossier geschickt in die Rahmenhandlung eingebunden, denn nachdem man beispielsweise Auszüge aus diesem gelesen hat, findet man in der Rahmenhandlung einen der Protagonisten mit eben diesem Dossier, welches auf genau dieser Seite aufgeschlagen ist, lesend vor.

Alan Moore und Kevin O’Neill versuchen in Das schwarze Dossier sowohl erzählerische als auch künstlerische Grenzen einreißen zu wollen. Dabei geht die Trennlinie zwischen Comic und Roman an einigen Stellen fließend ineinander über. Auch wenn Das schwarze Dossier aufgrund der sprunghaften und sehr komplexen und intellektuell überbordenden Form ein nicht leicht lesbares Buch ist, ist es in seiner Gesamtstruktur ein kleines Kunstwerk, welches jeden Freund von niveauvoller und faszinierend fesselnder Literatur/Graphic Novel begeistern dürfte. Für mich einer der Geheimtipps der jüngsten Zeit!

Christian Funke-Smolka