Aline Kiner - Galgenmann  (List)

Aline Kiner – Galgenmann (List)

Kommissar Simon Dreemer hat es nicht leicht. Der eigenwillige Ermittler wurde soeben aus Paris in die Provinz strafversetzt, und wird sofort in einen geheimnisvollen Mordfall eingebunden. Eine junge Frau wurde brutal ermordet und in eine Felsspalte gesteckt. Am Fundort der Leiche befanden sich rätselhafte Symbole, die dort durch Zweige angeordnet wurden, die Leiche selber war in einen alten Strick geschnürt.
Was hat es mit dem Mordfall auf sich? Je tiefer Dreemer, für den das Dorf eine Rückkehr in seine alte Heimat bedeutet, und seine Kollegen forschen, desto deutlicher treten lange zurückliegende Geheimnisse und brutale Taten der Vergangenheit ans Licht. Was geschah im Jahr 1944 in diesem Dorf, und steht es im Bezug zu den aktuellen Taten? Was verheimlichen die Dorfbewohner? Ein komplizierter erster Fall für den Kommissar und sein Team!

Die Schriftstellerin Aline Kiner wuchs als Tochter eines Minenarbeiters in einer Kleinstadt in Lothringen auf. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaft arbeitet sie nun als Journalistin, und legt mit Galgenmann (List, 256 Seiten, €8,99) den ersten Fall des Kommissars Simon Dreemer vor.
Es ist für den Leser deutlich zu erkennen, dass die Autorin viele persönliche Einflüsse und Erfahrungen in ihre Geschichte eingebracht hat, wodurch die Beschreibungen des Lebens in einem französischen Provinzdorf unglaublich authentisch gelingen.
Die Atmosphäre, die Kommunikation untereinander und das Leben miteinander, aber vor Allem das Hüten von Dorfgeheimnissen und das Misstrauen den Menschen jenseits der Dorfgemeinschaft gegenüber ist beinahe in jedem Abschnitt spürbar.

Stilistisch erinnert Galgenmann an die Romane von Grangé und Mankell, ersterer durch die schon angedeutete Erschaffung einer bedrückenden Atmosphäre dörflicher Skepsis und Voreingenommenheit in Verbindung mit einem alten, im kollektiven Unterbewusstsein schwelenden Geheimnis. Dazu gesellt sich eine nüchterne, solide strukturierte und klar beschreibende Sprache, die beinahe analytisch die Gefühlslagen der Protagonisten und ihren Umgang mit persönlichen Problemen und eigenen Schwächen in die Geschichte einbringt.

Aline Kiner

Galgenmann ist ein atmosphärisch starker Einstieg in die Reihe um den Kommissar Simon Dreemer. Sprachlich versiert gelingt es der Autorin sehr gut, das Dorfleben und den dortigen zwischenmenschlichen Umgang deutlich hervorzuheben, und dabei den mysteriösen Aspekt der Geschichte subtil immer weiter hervorzuheben, das unterschwellige Grauen im eigentlich harmlosen Alltäglichen aufzuzeigen. Beinahe jeder hier hat Geheimnisse, die ein friedliches Zusammenleben nur schwer möglich machen, während über Allem der baldige Niedergang des Dorfes in Form der Flutung der unterirdischen Stollen wie ein Damoklesschwert hängt, und so dem unterbewussten, zwischenmenschlichen Untergang auch ein offensichtliches und greifbares Pendant gibt.

Aline Kiners Roman Galgenmann ist gut lesbar, gewinnt seine Faszination durch seine geheimnisvolle Grundstimmung, und ist solide und ohne jegliche literarische Hektik geschrieben. Der Verzicht auf sprunghafte Erzähl- oder Szenenwechsel verleiht dem Roman dabei trotz der vorhandenen Spannungskurve eine angenehme innere Ruhe, die es dem Leser ermöglicht, komplett in die Geschichte und seine Stimmung einzutauchen. Wer Spaß an einer Story hat, die geschickt düstere Geheimnisse der Vergangenheit mit brutalen Momenten der Gegenwart kombiniert, der sollte auf jeden Fall Galgenmann lesen, und voll auf seine Kosten kommen.

Christian Funke-Smolka