Antonio Hill - Der Sommer der toten Puppen  (Suhrkamp Nova)

Antonio Hill – Der Sommer der toten Puppen (Suhrkamp Nova)

Wüsste ich es nicht besser, ich würde behaupten, ich habe das literarische Äquivalent eines italienischen Giallos in der Hand. Titel, Cover und Geschichte erinnern frappierend an diese von mir sehr geschätzte Thriller-Richtung, welche gerade im italienischen Kino der 70er sehr weit verbreitet war, und auch heute noch zu Recht eine große Anzahl von Verehrern dieses durch sein spezielles Augenmerk auf Stil, Bildsprache und der Nutzung von erzählerischen Metaebenen bekannt gewordene Genre, vorweisen kann.
Aber weit gefehlt, es handelt sich hier um das Debüt des Spaniers Antonio Hill, der im Jahr 1966 geboren wurde, später Psychologie studierte, und als Übersetzer arbeitet.

Der Sommer der toten Puppen (Suhrkamp Nova, 371 Seiten) spielt in Barcelona, mitten in der Hitze des Sommers, und katapultiert den Leser direkt in seine Geschichte. Protagonist ist der wegen seiner eher unkonventionellen Ermittlungsmethoden bekannt-berüchtigte Inspektor Héctor Salgado. Geboren in Argentinien lebt er schon lange in Barcelona, fühlt sich dort aber immer noch wie ein Fremdkörper. Als es bei ihm zu einem beruflichen Knick kam, er prügelte einen Mädchenhändler krankenhausreif, begannen die internen Ermittlungen gegen ihn, und mündeten in einen befristeten Zwangsurlaub, welchen er in Buenos Aires verbrachte. Nun aber ist er zurück in Barcelona, seine Frau hat sich mittlerweile von ihm getrennt, und auch sonst ist sein Gemüt nicht das sonnigste. Sein Vorgesetzter übergibt ihm den Fall eines toten 19 Jahre alten Jungen aus einer reichen und angesehenen Familie. Anscheinend ist er aus einem hochgelegenen Fenster gestürzt, Freunde und Familie, die den jungen Marc als „seltsam“ bezeichnen, glauben an einen Selbstmord. Dem würde auch Inspektor Salgado zustimmen, wäre nicht die Mutter des Jungen, die vor 19 Jahren Mann und Sohn verließ, sich nun aber mit großen Zweifeln an der Selbstmordtheorie zurückmeldet.

Antonio Hill

Je tiefer Salgado und seine Assistentin Leire sich mit der Angelegenheit befassen, desto mehr Unstimmigkeiten in der Familiengeschichte fallen ihnen auf. Alte Geheimnisse zeigen sich, und die Geschichte wird für unsere Ermittler plötzlich gefährlicher, als diese zuerst dachten!

Antonio Hill gelingt es in seinem Debüt Der Sommer der toten Puppen, seine Geschichte, die inhaltlich zwar nicht unbedingt neu oder innovativ ist, aber dafür durchgehend auf einem sehr hohen Spannungslevel steht, so plastisch zu erzählen, dass man als Leser sofort Bilder, ja ganze Szenen vor Augen hat. Sein Protagonist Salgado ist trotz seines eher impulsiv-emotionsgesteuerten Verhaltens überaus sympathisch, da sich die raue Schale und der weiche Kern irgendwie die Waage halten, und seine Handlungen zwar nicht unbedingt alle moralisch vertreten lassen, aber im Zusammenhang nachvollziehbar erscheinen. Dank der detaillierten Beschreibungen des Autors wächst mit jeder hinzugefügten Information ein greifbares Bild seines Protagonisten, und verleiht dem Charakter eine realistische, authentische Tiefe.
Stilistisch erzählt Hill seine Story solide, detailliert und sehr anschaulich, ohne dabei zu ausschweifend oder gar geschwätzig zu werden. Alles ist straff strukturiert und führt inhaltlich geradlinig zum Ziel, wobei doch immer wieder auch falsche Fährten gelegt werden, die den Leser gehörig in die Irre führen. Gerade auf Grund seiner plastischen und realitätsnahen Beschreibungen wird sowohl die Geschichte als auch die Beschreibung des Handlungsortes Barcelona pulsierend und greifbar dargestellt.

Somit bietet Der Sommer der toten Puppen spannende Unterhaltung, die gut und fesselnd geschrieben ist, und durch einige lose Fäden und kleinere Cliffhanger, die auch zum Ende hin nicht aufgeklärt werden, auf den Start einer Reihe um Héctor Salgado deuten. Von mir aus gerne, denn ich habe mich hervorragend unterhalten gefühlt!

Christian Funke-Smolka