Arne Dahl - Gier (Piper)

Arne Dahl – Gier (Piper)

Arne Dahl, Jahrgang 1963, beweist mit dem vorliegenden Roman Gier (bei Piper erschienen) erneut, dass er zu Recht als einer der Meister des intelligenten und anspruchsvollen Thriller gilt. Bekannt wurde er mit seiner Buchreihe um das Stockholmer A-Team, die ihm internationalen Ruhm und auch in Deutschland einen hohen Bekanntheitsgrad einbrachte.
Hier nun haben wir mit Gier den Beginn einer neuen Thriller-Serie, gewohnt niveauvoll, komplex und hervorragend geschrieben.

Die Geschichte beginnt auf dem G20-Gipfel in London, wo trotz höchster Sicherheitsvorkehrungen ein junger Chinese eine der Absperrungen überwindet, um auf die Straße zu rennen. Hier jedoch wird er von einem herannahenden Auto erfasst, und erliegt seinen Verletzungen. Allerdings gelingt es ihm noch, vor seinem Tod einem der anwesenden Europol-Mitarbeiter etwas anscheinend sehr wichtiges zuzuflüstern.
Etwa zur gleichen Zeit findet eine Ornithologin in einem Waldgebiet in der Nähe Londons eine merkwürdig wie ein Kunstwerk arrangierte Frauenleiche. Mysteriös ist, dass man bei dieser Leiche eine Botschaft an die, eigentlich im geheimen agierende, OPCOP-Einheit findet. Bei ihren Ermittlungen stoßen diese auf eine asiatische Reinigungsfrau, die beim heimlichen stöbern auf dem Computer ihres Chefs einen Alarm bei einer offiziellen Stelle auslöst.

Arne Dahl

Die drei Handlungsstränge scheinen erst mal nicht zusammenzugehören. Erst nach und nach führen alle losen Fäden bei der neu gegründeten OPCOP-Gruppe und ihrem Chef Paul Hjelm zusammen, und es kristallisiert sich ein Fall heraus, der an Brisanz kaum zu übertreffen ist.
Da diese geheime Einsatzgruppe mit Mitgliedern verschiedenster Nationalitäten besetzt ist und ihren Sitz in Den Haag hat, versucht man nun die vorhandenen, international weit gefächerten Möglichkeiten und Energien zu bündeln, um diesen Fall zu lösen.

Arne Dahl macht es dem Leser nicht leicht. Wie zu erwarten, ist auch Gier keine Standard-Krimiunterhaltung, sondern erzählt eine durchdachte, aktuelle und komplexe Geschichte auf einem sprachlich hohem Niveau. Dazu jedoch muss sich der Leser zu Beginn des Buches erst mal mit allen Charakteren auseinandersetzen (14 an der Zahl), die alle, wie man es vom Autor ebenfalls kennt, eine eigene, tiefreichende Persönlichkeit besitzen, und entsprechend von ihm mit eingehendem Blick auf die persönlichen Hintergründe, charakterisiert werden. Da die ermittelnde OPCOP-Gruppe (ein interessanter Schachzug, diese Operationforce als ausführende Truppe an die Europol anzudocken, die eigentlich nur zur Datensammlung und Euroländerübergreifenden Koordination eingesetzt wird, aber keinerlei operative Gewalt besitzt) europaweit agiert, und ihre Mitglieder aus den verschiedensten Ländern stammen, kommt es zudem zu häufigen Szenenwechseln. Dies erschwert den Einstieg, und führt zu einer benötigten hohen Konzentration, um als Leser alles zu erfassen.
Je weiter man jedoch in der Geschichte kommt, desto klarer werden die Zusammenhänge, und man merkt, wie sehr man plötzlich in den Bann gezogen wird. Das von Dahl entworfene globale Katastrophenbild und die im Hintergrund vorhandenen übergreifenden Verknüpfungen sind so aktuell wie selten zuvor. Ein Thriller, der weit mehr ist, regt er doch zum Nachdenken an, und fordert den Leser durch seine verschachtelte und komplexe, erschreckend aktuelle Geschichte.
Wer es als Leser spannend und intelligent mag, sich dabei auf eine vielschichtige Geschichte einlassen kann, der ist auch mit dem neuen Roman von Arne Dahl bestens beraten.

Christian Funke-Smolka