C.M. Taylor - Euro Psycho  (Heyne Hardcore)

C.M. Taylor – Euro Psycho (Heyne Hardcore)

Es ist schon paradox. Je unglaublicher, unrealistischer und hanebüchener eine erzählte Geschichte zu sein scheint, desto mehr hat man dass Gefühl, sie komme näher an die Realität heran, als dies Dokumentationen und Zeitungsberichte je vermögen würden. Dies war schon so bei Bret Easton Ellis gnadenlosen American Psycho, und wurde perfekt weitergeführt von John Niven in Kill Your Friends.

C.M. Taylor

Diesen großen Vorbilden nacheifernd haben wir nun einen neuen Stern am Zynismus-Firmament: C. M. Taylor und sein Roman Euro Psycho (Heyne Hardcore, 352 Seiten), der Weiterführung der Geschichte um den Fußballprofi Kevin „Kev“ King (welcher seinen ersten Auftritt in Premiership Psycho, ebenfalls Heyne Hardcore, hatte).

Kevin „Kev“ King, Fußballprofi und Kapitän der englischen Nationalmannschaft, ist komplett am Ende. Er verschoss das Champions League – Finale, so dass seine Mannschaft den Pott nicht mitnehmen konnte, nein, es kommt auch noch das Gerücht auf, er habe heimlich Millionen dafür kassiert, dass genau dieses auf dem Platz passieren wird. Daraufhin wird er, aus seiner Sicht völlig zu Unrecht, hochkant aus dem Team geworfen!
Da Kev King ein Mann mit einem ausgeprägten, auf seine Person bezogenen Gerechtigkeitssinn, einem übergroßen Ego und einem starken Willen ist, setzt er nun alles daran, der Welt zu zeigen, dass er unbestechlich, zudem auf dem Platz einer der ganz Großen, und seine „Kev-King-Couture-Kollektion“ das derzeit hippste auf dem Markt ist… koste es, was es wolle!
Das macht ihn zu einem Mann mit einer großen Vision. Da es noch ein Jahr bis zur Europameisterschaft ist, wächst in ihm der Plan, den Bestechungssumpf des Fußballsports auszutrocknen. Unterstützung erhält er dabei von einem Prominenten des englischen Fußballs, dem ehemaligen Profispieler des FC Liverpool und jetzigen Trainer Joseph Kevin Keegan, der allerdings nur als Stimme in Kev Kings Kopf existiert.
Um seinen Plan umsetzen zu können, muss er ungewöhnliche Wege gehen. Also fährt er in den Kaukasus, um dort bei einer kleinen Provinzmannschaft anzuheuern, diese zum Erfolg zu treiben, und nach Annahme der Staatsbürgerschaft, einen Platz in der dortigen Nationalmannschaft zu bekommen, und seinen Weg bei der EM 2012 weiter zu verfolgen, nämlich die Drahtzieher des Korruptionsskandals, notfalls mit grober Gewalt, auszuschalten. Ein Mann sieht rot…

Euro Psycho von C. M. Taylor ist ein unterhaltsamer, ironisch überspitzter Roman mit einem zynischen Blick hinter die Kulissen des Ballsports. Es ist schon ein Kunststück, eine Person als Hauptfigur zu nehmen, die eigentlich ein besserwisserischer, egozentrischer und zu sehr von sich eingenommener Drecksack ist, und trotzdem dem Leser so etwas wie ein Gefühl für diese Person zu vermitteln.
Man merkt deutlich, dass sich der Autor bestens mit dem Fußballsport auskennt, anders jedoch als Brett Easton Ellis in American Psycho (wobei dieser ein unglaublich fundierte Wissen über den damaligen Lifestyle hatte), vermag er dieses Wissen nicht so pointiert in den Roman einzubringen. Seine aus der „Ich-Perspektive“ erzählende Figur des „Kev“ King, der auf dem Platz alles gibt, um seine Mannschaft zum Ziel zu bringen, mutiert abseits des Spielfeldes zur rächenden Killermaschine. Das ist zwar für den Leser unterhaltsam, hätte im Rahmen der Geschichte aber nicht unbedingt sein müssen, nimmt ihr stellenweise sogar etwas von der satirischen Sichtweise hinter die Kulissen.

Somit ist Euro Psycho amüsant und eine gut lesbare Satire auf die Fußballwelt und ihre teils selbstverliebten Spieler, die trotz oder gerade wegen ihrer überspitzten Darstellung der Szene ein wohl einigermaßen realistisches Bild dazustellen vermag.

Christian Funke-Smolka