China Miéville: "Die letzten Tage von Neu-Paris"  (Golkonda)

China Miéville: „Die letzten Tage von Neu-Paris“ (Golkonda)

Der Thriller über einen Krieg, der niemals war – über den Überlebenskampf einer unmöglichen Stadt, über eine surreale Katastrophe

1941, inmitten des vom Zweiten Weltkrieg bedrohten Marseilles, stolpert der amerikanische Ingenieur und Okkultist Jack Parsons in eine Widerstandsgruppe, zu der auch der surrealistische Dichter André Breton zählt. In dieser Résistance aus regimekritischen Diplomaten, exilierten Revolutionären und Avantgarde-Künstlern sieht Parsons einen Hoffnungsschimmer. Aber was er aus Versehen freisetzt, ist die Macht der Träume – und der Albträume –, die den Krieg für immer verändert.

1950 erkundet der einsame Kämpfer des Surrealismus Thibaut die neue halluzinogene Stadt Paris, wo sich Nazis und Résistance einen ewigen Guerilla-Krieg liefern und in den Straßen lebendig gewordene surrealistische Kunstwerke und Texte ihr Unwesen treiben. Gemeinsam mit dem amerikanischen Fotografen Sam versucht er, unversehrt aus der Stadt zu entkommen. Doch dafür müssen sie sich mit der gefährlichsten Manifestation zusammenschließen: dem Cadavre Exquis.

Ein einzigartiger Roman zwischen Schönheit und Horror, historischen Fakten und Phantasie. Vom New-York-Times-Bestseller-Autor China Miéville.

China Miéville verwebt wahre historische Begebenheiten und Figuren mit seinem mutigen, einzigartig phantasievollen Literaturstil und gestaltet dabei Geschichte und Kunst zu etwas ganz Neuem um. Miéville lebt und arbeitet in London. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen wie dem British Fantasy Award und dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnet. Zu seinen bekanntesten Romanen zählen »Perdido Street Station« (2014), »Die Stadt und die Stadt« (2010) und, zuletzt erschienen, »Dieser Volkszähler« (2017).

© Golkonda

Meinung zur Veröffentlichung:

„Man erlebt viele Reaktionen auf surrealistische Kunst, aber die jämmerlichste von allen ist die derjenigen, die fragen: >Was soll ich da sehen und was soll ich dabei empfinden“< Mit anderen Worten: >Was sagt Papa, was ich da sehen und empfinden darf?<“

Grace Pailthorpe, „On the Importance of Fantasy Life“

Wir befinden uns im Neu-Paris zu Beginn der 1950er Jahre. Die viele Jahre zurückliegende Detonation der S-Bombe hat die Stadt vom Rest der Welt abgeschottet und in einen Ausnahmezustand versetzt, wo sich Nazis und die Widerstandsbewegung einen ewig andauernden Kampf liefern und Kunstwerke des Surrealismus zu eigenständigem Leben erwachen. In diesen Wirren befinden sich Thibaut und die Fotografin Sam, die Informationen für ihren Bildband sammelt…

Der britische Comic-Texter, Wissenschaftler und Fantasy-AutorChina Tom Miéville ist verantwortlich für eine Reihe mehrfach ausgezeichneter, sehr vielseitiger und abwechslungsreicher Romane für erwachsene und jugendliche Leser, die er zum Teil auch selber illustrierte. Auch sein hier vorliegender Roman Die letzten Tage von Neu-Paris vereint neben einigen seiner Illustrationen sämtliche Stärken dieses grenzenspregenden Autors, der hier mit einer beeindruckenden Leichtigkeit eine Welt gestaltet, wie man sie selten antrifft. Hat man als Leser erst einmal seine anfängliche Verwirrung überwunden, wird man immer tiefer in eine Welt hineinegzogen, in der sich ein surrealistisches Szenario nahtlos ineine realistische, vom Krieg gebeutelte Umgebung einfügt. Miéville lässt unterschiedlichste Genres virtuos zu einem in sich stimmigen, atemberaubenden Ganzen zusammensetzen, und spendiert der Erzählung mit seinem spannenden Nachwort einen verspielten Realismus, bei dem es dem Leser (wenigstens ging es mir so) großes Vergnügen bereitet, sich darauf einzulassen. Ein Bravourstück eines der größten und sprachgewaltigsten Erzähler der Gegenwart.

Die letzten Tage von Neu-Paris (Originaltitel: The Last Days of New Paris, USA 2016) erscheint in einer Übersetzung von Andreas Fliedner als wunderschön gestaltetes Paperback mit Klappenbroschur bei Golkonda (280 Seiten, € 18,00). Neben der gewohnt grandiosen Gestaltung von benSwerk befinden sich auch Illustrationen des Autors im Buch. Neben der Geschichte Die letzten Tage von Neu-Paris befinden sich im Anhang sehr interessante Anmerkungen zu einigen der im Buch vorkommenden Manifestationen mit erklärenden Erläuterungen und den Quellen, so wie eine Danksagung und den für mich sehr spannenden Part des Nachwortes, in welchem Miéville beschreibt, wie er im Herbst 2012 auf die Geschichte gebracht wurde. Die Anekdote des geheimnisvollen Treffens mit dem ihm unbekannten Mann, der ihm seine Geschichte erzählt, klingt so phantastisch und unglaublich, dass es eine Freude ist, sie zu lesen. Nur ihren Realitätsgehalt Zweifel ich an, genieße jedoch den hohen Unterhaltungswert.       

China Miéville zeigt sich in Die letzten Tage von Neu-Paris erneut als sprachgewaltiger Autor mit einer überschäumenden Phantasie, dem es gelingt, bildhaft Welten aufzubauen, die man sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausdenken könnte. Virtuos werden historische Begebenheiten und Figuren und phantasievolle, surreale, beinahe wahnwitzige Ideen kombiniert und zu einem einzigartigen anregenden Lesevergnügen zusammengesetzt.

Christian Funke