Chuck Palahniuk - Bonsai  (Goldmann)

Chuck Palahniuk – Bonsai (Goldmann)

Fight Club gilt für viele als eines der wichtigsten und gewaltigsten Werke der späten 90’er Jahre und machte, auch dank einer großartigen Verfilmung durch David Fincher, seinen Autor Chuck Palahniuk weltberühmt. Der 1962 in Washington geborene, freiberufliche Journalist und Autor Palahniuk zeichnet sich aus durch einen erfrischend praktizierten Anarchismus, den er neben seinen literarischen Werken auch als aktives Mitglied in der „Cacophony Society“ auslebt. Dies ist eine aktive anarchistische Gesellschaft, die dem „Suicide Club of San Francisco“ entsprang. Die Grundgedanken dieser Vereinigung waren die Vorlage für „Project Mayhem“ in Fight Club.
Aber auch seine weiteren Werke zeigen überdeutlich seinen geschärften, kritischen Blick auf unsere Gesellschaftsformen, und spiegeln seine Sicht auf Politik, Sozialisation und das menschliche Miteinander wider. In seiner ihm typischen lakonisch-humorvollen Art überspitzt er dabei Situationen, um ihnen damit gleichzeitig einen Spiegel vorzuhalten.

Hier vorliegend haben wir seinen neusten Roman Bonsai (Goldmann, 256 Seiten), mit dem der Autor erneut beweist, dass es unglaublich schwierig ist, ihn in irgendeiner Form auf ein Genre oder einen ihm eigenen Stil festzulegen, da es ihm gelingt, sich mit jeder weiteren Geschichte neu zu erfinden.

Chuck Palahniuk

Die Hauptfigur dieses clever mit Tabus brechenden Romans ist der 13 Jahre alte „Bonsai“, so sein Spitzname, den er direkt verpasst bekommt, der als Austauschschüler in die USA reist. Im tiefsten Innern jedoch hasst er die neue Heimat, ebenso seine verkorkste Gastfamilie und alles, für das sie mit ihren vermeintlichen Statussymbolen steht. Er ist Agent Nr. 67, ein jugendlicher Schläfer, ein Terrorist, der es sich zum Ziel gemacht hat, dass verdorbene, korrupte, kapitalistische westliche System zu vernichten.
Doch was macht man, wenn man trotz seiner heiligen Mission plötzlich auch schöne Seiten entdeckt, erste Kontakte zum anderen Geschlecht knüpft und Erfolge in der Schule einheimst? Hier trifft dann eine grenzenlose Naivität auf pubertären und hormonellen Wahnsinn, eine fundamentalistische Verwirrung auf einen culture clash in ungeahnter Größenordnung!

Bonsai ist auf der einen Seite eines seiner wohl interessantesten Bücher, auf der anderen Seite jedoch auch das wohl sprachlich und inhaltlich am schwierigsten zugängliche. Um einen intensiven Eindruck der Gedanken des 13 – jährigen Schläfers, seinem „Agent Ich“, zu bekommen, wurde das gesamte Buch in dem ihm eigenen Sprachstil als seine persönliche Niederschrift verfasst. Diese wirkt, als habe man die Geschichte in einer Fremdsprache verfasst und von einem gratis erhältlichen Online-Übersetzungs-Tool in die eigene Sprache übertragen lassen. Wortneuschöpfungen treffen auf skurrile Satzkombinationen und die Grammatik wird dabei gepflegt außen vor gelassen. Aber hat man sich erst mal in die Geschichte eingelesen, gewöhnt man sich etwas an diesen eher ungewöhnlichen Stil, und lässt sich durch die Bissigkeit und dem satirischen Tiefsinn gefangen nehmen (Gratulation an den Übersetzer Werner Schmitz für die wirklich gelungene Arbeit!).
Selten hat man eine schärfere und zynischere Kritik an der amerikanischen Gesellschaft, die unserer doch in so vielen Punkten erschreckend ähnelt, dem Kapitalismus und der allgemeinen Dekadenz gelesen, die gleichzeitig aber auch so tiefsinnig, humor- und liebevoll gestaltet ist, dass es für den Leser ein riesiger, aber nachdenklich stimmender Spaß ist!

Christian Funke-Smolka