Daniel Annechino - Keine Gnade  (Ullstein)

Daniel Annechino – Keine Gnade (Ullstein)

„Das Wohl der Allgemeinheit ist wichtiger als das Wohl des Einzelnen“
(frei nach Aristoteles)

Daniel M. Annechino, aus New York stammend und nun in San Diego lebend, ist in der Thriller-Szene mittlerweile kein Unbekannter. Nachdem seine Romane keinen Verlag fanden, veröffentlichte der Autor sie im Selbstverlagund erzielte damit einen überraschend großen Erfolg. Hier vorliegend haben wir nun das vierte Buch des Autors.
Keine Gnade (Ullstein, 512 Seiten, €9,99) ist dabei mittlerweile der zweite Roman über das Ermittlerduo Detective Inspector Samantha Rizzo und ihren Kollegen Alberto Diaz. Die Handlung spielt etwa zwei Jahre nach ihrem letzten Fall, „Leise stirbst du nie“ (ebenfalls bei Ullstein erschienen), Neueinsteiger sollten sich überlegen, eventuell mit dem ersten Band zu starten, da diese zwar unabhängig funktionieren, aber trotzdem einiges der Handlung des ersten Bandes preisgibt.

Dieses Mal haben wir einen brutalen Serienmörder in San Diego, der anscheinend eine wahre Begabung in der Handhabung des Skalpells besitzt. Sein modus operandi ist die Operation am offenen Herzen, zum Nachteil der Opfer jedoch für diese ohne Narkose durchgeführt und in der Regel mit dem anschließenden Ableben als finale Konsequenz. Der Täter kleidet die Leichen nach der Tat in Designerkleidung und legt die Körper dann an öffentlichen Plätzen ab!
Rizzo und Diaz machen sich auf die Jagd, denn eines wird immer deutlicher, der Täter versteht sein Handwerk, scheint somit Fachmann zu sein, der skrupellos den hippokratischen Eid bricht, und nicht ohne weiteres aufhören wird. Aber auch der Druck seitens der Behörden und der Öffentlichkeit wächst, denn eines der Opfer war die Tochter eines bekannten Richters.

Daniel Annechino

Annechino hat in seinem Thriller Keine Gnadeeinen cleveren Schachzug gewählt. Der Leser ist, da ihm die Motive als auch der Vorname des Täters recht früh offenbart werden, den Ermittlern zwar eine Nasenlänge voraus, kann sich aber letztendlich doch nicht sicher sein, wer genau der Mörder ist. Dadurch wird ein Spannungsbogen über nahezu die gesamte Buchlänge aufrecht gehalten, lässt dem Autor aber auch die Freiheit, detaillierte Infos über die Handlungen und Gedanken des Mörders einfließen zu lassen, um damit ein dichteres Bild zu kreieren.
Man merkt deutlich, dass der Autor ein Faible für seine Charaktere hat. Sehr detailliert und teilweise sehr aus- manchmal auch abschweifend erzählt er über ihre privaten Angelegenheiten und Sorgen. Das verleiht den Personen zwar eine charakterliche Tiefe, hemmt aber manchmal auch etwas den Lesefluss. Trotzdem weist Keine Gnade ein hohes erzählerisches Tempo auf, ist umgangssprachlich, teilweise sogar etwas „schnodderig“ geschrieben, was es somit leicht und flüssig lesbar macht.

Wer also Lust auf einen rasanten, spannenden und atmosphärischen Thriller hat, der sich bewusst der genretypischen Erzählstruktur verweigert, dem sei Daniel M. Annechino Roman Keine Gnade unbedingt

empfohlen!

Christian Funke-Smolka