Dennis Lehane - Moonlight Mile (Ullstein)

Dennis Lehane – Moonlight Mile (Ullstein)

Dennis Lehane, Jahrgang 1966, besitzt schon einen besonderen Status unter den aktuellen Thrillerautoren. Kaum einem war es bisher vergönnt gewesen, seine Geschichten so hochwertig und gut für den Film adaptiert zu sehen, wie ihm. Ob das die grandiose Clint Eastwood – Verfilmung von Mystic River war, oder die atmosphärische Umsetzung von Shutter Island durch den großartigen Martin Scorsese. Mir persönlich jedoch gefiel besonders die Verfilmung Gone Baby Gone, welche auf seinen Roman Kein Kinderspiel in der Reihe um das Ermittlerduo Patrick Kenzie und Angela Gennaro basierte. Der hier vorliegende Roman Moonlight Mile (A Drink before the War, so der Originaltitel) ist nun sowohl der sechste Fall des Duos, als auch ein Abschied des Autors von dieser Reihe. Außerdem trifft man erneut auf das mittlerweile 16 Jahre alte Mädchen Amanda McCready aus Kein Kinderspiel. Moonlight Mile ist dabei keine wirkliche Fortsetzung, sondern eher eine Weiterführung, quasi ein zweiter Akt zu Kein Kinderspiel. Aber ich eile voraus!

Der geneigte Leser trifft in dem vorliegenden Moonlight Mile (Ullstein Taschenbuch, 384 Seiten) erneut auf das mittlerweile in ruhigeren Bahnen lebende Ermittlerpärchen Patrick Kenzie und Angela Gennaro, die mittlerweile Eltern einer kleinen Tochter sind. Man versucht, allzu gefährliche Aufträge auszuschlagen, denn man wird nicht jünger, und hat nun auch mehr familiäre Verantwortung. Doch plötzlich wird Kenzie mit einem Fall konfrontiert, der ihn in die Vergangenheit zurückversetzt. Es soll die junge Amanda McCready finden, welche verschwunden ist. Diese Situation hatte er zwölf Jahre zuvor jedoch schon einmal. Damals war das Mädchen vier Jahre alt, und noch immer muss er an die Auflösung des Falls und seine damalige Entscheidung denken, mit der er auch aus heutiger Sicht noch nicht im Reinen ist. Aus diesem Grund kann er sich aus dem aktuellen Fall natürlich nicht heraushalten, auch wenn dies bedeutet, dass er sich und seine Familie einer großen Gefahr aussetzt. Denn diesmal hat die Russenmafia ihre Finger im Spiel, und die sind mit ihren Methoden nicht zimperlich. Dies wird auch Kenzie deutlich, als man in grob auffordert, seine Ermittlungen einzustellen. Doch so schnell lässt sich unser Ermittlerduo nicht einschüchtern, und schnell bemerkt man, dass hinter dem augenscheinlichen Entführungsfall mehr steckt, als man zuerst dachte! Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt!

Die Reihe um das Ermittlerpärchen zeichnete sich immer durch ein hohes Tempo, einer meistens bleihaltigen Geschichte und vielen lockeren und sarkastischen Sprüchen aus. Diesen Merkmalen begegnet man in dem aktuellen Buch Moonlight Mile nur bedingt, da gerade der Umstand, dass man auf Grund der vorhandenen Familie der Ermittler auf zu hohe Risiken verzichten möchte, der körperliche Einsatz in der Ermittlung zurückgenommen wurde. So lässt man also eher Worte als Waffen oder Fäuste sprechen, dies aber dafür in der gewohnten sprachlichen Brillanz.

Wie man es als Leser von Dennis Lehanegewohnt ist, ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Eine zu Beginn eher simpel erscheinende Geschichte entwickelt sich dabei zu einem komplexen Geflecht mit überraschenden Wendungen. Das hält, auch wenn es eine hohe Konzentration des Lesers fordert, dabei ein ziemlich konstantes Spannungsniveau in sprachlich überragender Qualität! Ein epischer, teils ausufernder Satzbau, tolle Formulierungen, geschliffene Dialoge mit hintergründigem Witz und offenem Sarkasmus, all das sind Merkmale, die man von Lehane kennt, schätzt, und auch hier wieder vorfindet!

Dennis Lehane

Auffallend ist der erneut auftretende sehr kritische Standpunkt des Autors der amerikanischen Politik gegenüber. Der Blick auf die gegenwärtige Lage seines Landes spiegelt sich in seiner Geschichte an Hand der Schicksale seiner Protagonisten deutlich wider. Dies tat es schon punktuell in seinen vorangegangenen Büchern, aber selten so deutlich wie hier in Moonlight Mile.

Nach siebzehn Jahren also scheint dies der Abschluss der Romane um die smarten Privatermittler zu sein. Als Leser hat man das Pärchen ins Herz geschlossen, und so manch aufregende Stunde mit ihnen verbracht.
Der Autor trifft hier jedoch eine gute Entscheidung, einen Schlusspunkt dann zu setzen, wenn man sich auf einem Höhepunkt befindet, und damit ein ausbluten der Reihe zu verhindern. Auch wenn ich es als Fan irgendwie schade finde, bin ich fest davon überzeugt, dass uns Dennis Lehane schon bald mit einer neuen, ähnlich genialen Reihe beglücken wird.

Christian Funke-Smolka