E. L. James: Shades of Grey - Geheimes Verlangen  (Goldmann)

E. L. James: Shades of Grey – Geheimes Verlangen (Goldmann)

Eine Geschichte, die wie ein Märchen klingt, und damit meine ich nicht den Inhalt von Shades of Grey – Geheimes Verlangen aus dem Goldmann – Verlag (608 Seiten, 12,99€), sondern die Story der Autorin dieses Romans um Unterwerfung, Liebe und bedingungsloses Vertrauen: E. L. James (dem Pseudonym der 49 – jährigen Erika Leonard).

Eine Britin im mittleren Alter, Mutter zweier Söhne, welche bisher ihre literarischen Erfahrungen aus der Online-Publikation von Fangeschichten im Twillight-Universum sammeln durfte, schreibt einen Roman, der jungen Studentin Anastasia Steele erzählt, so dass man als Leser immer mittendrin ist, aber auch ihre Zweifel und ihre Sorgen erfährt. Die in Liebesdingen völlig unerfahrene Ana verfällt dem attraktiven Unternehmer Christian Grey, und begibt sich in eine für sie neue, erschreckende und faszinierende Welt der Liebe.

Alleine die Aufmachung des Buches aus dem Goldmann – Verlag ist ein Hingucker: ein in sinnlichem rot gehaltenes, atmosphärisches Orchideenblüten-Motiv, während mittig eine Aussparung den Blick auf den Titel freigibt. Alleine die Gestaltung gibt einem Raum für allerlei Interpretationen zum Inhalt, und ist optisch um so einiges gelungener als die Originalausgabe.

Inhaltlich ist Shades of Grey – Geheimes Verlangen dann etwas sachlicher. Sprachlich in Ordnung, mit einem Hang zu leicht schwülstigen Umschreibungen, nimmt sich die Autorin in ihrer Geschichte die nötige Zeit, um ihre Protagonisten entsprechend vorzustellen, und ihnen eine gewisse charakterliche Tiefe zu verleihen. Leute, die das Buch also kaufen, da sie denken es handele sich um einen literarischen Porno, werden zwangsläufig enttäuscht, denn E. L. Jamesbemüht sich, eine glaubhafte und nachvollziehbare Geschichte zu schreiben. Diese hat dann zwar auch teils explizit beschriebene Sexszenen, aber es dreht sich primär um einen ganz anderen Aspekt, nämlich den der Unterwerfung, den daraus entstehenden Gefühlen und dem Zwiespalt, den man mit sich selbst in solch einer Situation auszufechten hat. Somit sind große Teile des über 600 Seiten dicken Buches innere Monologe der Hauptperson Anastasia Steele, die sich mit ihrer Rolle als unterworfene, und dem vorausgesetzten Vertrauen in ihrem, ihr doch eigentlich recht unbekannten Partner, auseinandersetzt.

Es ist oftmals spürbar, dass der Roman erst unter dem Namen des Twillight-Universums als Fanfiction auf deren Online-Plattform entstanden ist, dort aber auf Grund der beschriebenen Praktiken nicht verbleiben durfte, und deshalb von der Autorin abgeändert auf ihrer eigenen Homepage veröffentlicht wurde. Inhaltlich gleicht es dann auch frappierend den moralischen Werten dieser Fantasy-Reihe, denn trotz der Sado-Maso-Thematik, welche hier nie eine wirklich brutale oder dreckige Variation erreicht, dreht sich alles um Liebe, Vertrauen, Geborgenheit und dem beidseitigen Ausloten von Grenzen. Dies mag auch den Reiz der Geschichte erklären, denn unter dem Deckmantel des Verruchten findet man ein Paar, welches sich verzehrt vor Lust und Begehren nach dem anderen, welches in klar abgesteckten Grenzen Dominanz und leichte Gewalt ausübt, man aber trotzdem vollstes Vertrauen in den Partner hat. Ist dies nicht in verschiedenen Variationen etwas, was sich jeder für seine Beziehung wünscht?

Shades of Grey – Geheimes Verlangen von E. L. James ist ein echtes Phänomen. Von der Autorin als Trilogie angelegt, war es schon lange vor seinem Erscheinen durch gezielte Werbung und Mund-zu-Mund-Propaganda im Bewusstsein der Öffentlichkeit fest verankert, und wurde dadurch, ohne dass man das Buch wirklich kannte, für viele zum Objekt der Begierde. Ein Hype, der es dem Roman aus meiner Sicht allerdings schwer macht, da es die hohen Erwartungen, die man nun automatisch in die Geschichte setzt, im ersten Teil nicht erfüllt, gar nicht erfüllen kann.

Ein wenig erinnert mich die Karriere E. L. James an die von J. K. Rowling, die ebenfalls mit ihrem Romandebüt, auch wenn die Thematik natürlich eine ganz andere war, einen unglaublichen Erfolg hinlegte, und dadurch einen persönlichen Druck aufbaute, dem man erst mal gewachsen sein muss.
Es scheint offensichtlich, dass die Autorin nicht aus der von ihr im Buch beschriebenen Szene stammt, da sie sich in ihren Beschreibungen mehr in dem Bereich der Fanfiktion bewegt, als in der wirklichen Bondage- und S/M – Szenerie. Aber dies dürfte den meisten Lesern kaum auffallen, da wohl ein Großteil, und zu diesem zähle ich mich auch, keinerlei Erfahrung mit diesen Praktiken hat. Somit ist
Shades of Grey – Geheimes Verlangen eine erotische Liebesgeschichte mit Cinderella-Touch, einem sinnlichen Märchen, welches einem, leicht lesbar, ermöglicht, dem Alltag zu entfliehen und sich der Geschichte von Ana Steele und Christian Grey hinzugeben.

Buchtrailer

Christian Funke-Smolka