Elmore Leonard - Raylan  (Suhrkamp nova)

Elmore Leonard – Raylan (Suhrkamp nova)

leonard-raylan-suhrkamp.jpg w=450Ein U.S. Marshal, der schneller schießt als er redet. Eine Firmenchefin, die über Leichen geht. Eine unwiderstehliche Tänzerin namens Jackie Nevada, die beim Pokern alle abzieht. Eine Krankenschwester, die ein Nieren-Start-up aufzieht. Ein bisschen viel auf einmal? Nein, einfach nur saucool. So, wie es nur einer kann: Elmore Leonard.
Raylan Givens ist ein Top-Ermittler im U. S. Marshals Service, wenn auch einer, der nicht davor zurückschreckt, zur Waffe zu greifen – und sie auch effektiv zum Einsatz zu bringen. Dass er damit Strafverfahren schneller abschließt, als sie eröffnet werden können, bringt Raylan nicht nur Freunde ein. Deshalb ermittelt er nicht mehr im sonnigen Florida, sondern in der trostlosen Einöde von Kentucky. Hier in Raylans Heimatstadt Harlan schlug einmal das Kohleherz Amerikas, heute ist der Ort nur noch ein Umschlagplatz für Drogen. Doch auch der Drogenmarkt droht zu kippen, sodass zwei findige Dope-Dealer beschließen, auf menschliche Ersatzteile umzusteigen. Als Raylan den beiden auf die Schliche kommt, findet er sich plötzlich in der Rolle des unfreiwilligen Organspenders wieder…

Meinung zum Buch:

Vor einigen Tagen schrieb ich über Don Winslow, dass er auf meiner persönlichen Skala der Thriller-Autoren einen ziemlich hohen Rang belegen würde. Unangefochten an der Spitze jedoch steht ein anderer: Elmore Leonard!!! Denn wo andere gemütlich mit ihrem E-Rollstuhl über die Promenade flanieren, schreibt dieser Mann im gesegneten Alter von 87 Jahren in regelmäßigen Abständen einen lässigen Thriller nach dem anderen.

Geboren als Elmore John Leonard, Jr. Im New Orleans des Jahres 1925, begann er schon sehr früh mit der Schreiberei, und veröffentlichte seine Geschichten in einer Schülerzeitung.
Nach seinem Dienst bei der Navy während des zweiten Weltkrieges studierte er, und arbeitete nebenher in einer Werbeagentur.
Gleichzeitig jedoch schrieb er weiterhin Geschichten, so dass es ihm Anfang der 50er gelang, die ersten offiziell zu veröffentlichen. Waren es zu Beginn Westerngeschichten (zum Beispiel der Klassiker

Elmore Leonard & Timothy Olyphant

Elmore Leonard & Timothy Olyphant

Todeszug nach Yuma), so widmete er sich später immer mehr dem Thriller – Genre, erlangte aber erst 1985 mit seinem Roman Glitz größeren Erfolg! Dies mag damit zusammenhängen, dass er sich von jeher den traditionellen Vorgaben des Genres verwehrte, sein Augenmerk weniger auf eine typische Krimihandlung mit den allgegenwärtigen Ermittlern richtete, sondern seinen Schwerpunkt auf eine detaillierte, liebevolle Milieustudie und dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, Rassen, Berufen und Ansichten legte. Erst hier, in diesem Miteinander, wo teils Unsicherheiten der einzelnen Charaktere im Umgang mit dem Anderen beschrieben wurde, kam es dann oftmals zu Gewalttätigkeiten, aber auch unerwarteten Kooperationen. Dadurch entwickelten die Geschichten stets eine eigene, Leonard-typische Dynamik!
Dieser ihm eigene Stil wurde zudem noch geprägt von einem fundierten Wissen und einer präzisen Darstellung der jeweiligen Sachkultur (Autos, Hobbies, Musik, Prestigeobjekte, usw.) seiner in der Geschichte beschriebenen Zeit und den darin vorkommenden unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten.

Da sich Elmore Leonard laut eigener Aussage nie als Künstler, sondern eher als Handwerker sieht, fehlt es ihm glücklicherweise oftmals an der falsch eingesetzten Ernsthaftigkeit, die so manchem „künstlerischen“ Autor zu Eigen ist. Dadurch gelingt ihm ein lässiger, cooler Umgang mit Sprache, Handlung und Charakteren, den er mit einem sarkastischen Witz und den treffsicheren Dialogen paart.

Raylan (Suhrkamp nova, 308 Seiten, €19,95) ist ein weiterer, souverän geschriebener Baustein im Universum der Titelfigur, des schießfreudigen und kompromisslosen U.S. Marshal Raylan Givens, der mittlerweile auch erfolgreich als TV-Serie namens „Justified“ seinen festen Platz in der Krimiunterhaltung gefunden hat.
Aber was auf den ersten Blick einfach nur lässig wirkt, ist auf den zweiten Blick weit mehr. Denn auch wenn sich die Geschichte primär um einen eigensinnigen Protagonisten dreht, der seinen Weg durch eine gewalttätige und korrupte Welt

Elmore Leonard

Elmore Leonard

geht, zeigt sich hier gerade in Leonards Beschreibungen ein sehr kritischer und ernsthafter Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft und ihr Gefüge. Ignoranz, Egoismus, kultureller Verfall und Umweltzerstörung sind nur einige der Themen, die der Autor durch die Augen seiner Protagonisten betrachtet und dem Leser als hoffnungslosen Schauplatz seiner Geschichte präsentiert. Dadurch wirkt die Figur des Raylan wie einer der letzten aufrechten Figuren, was sein teils ruppiges Handeln zwar nicht unbedingt entschuldigt, aber erklärt. Ein Westernheld, der sein Verständnis von Recht & Ordnung in einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft vertreten möchte. Einer, der seinen Weg geht, tut, was getan werden muss, auch wenn es manchmal schmerzt. Das Thema „Organhandel“ ist dabei ein aktuelles wie spannendes Thema, welches den Protagonisten dabei in nicht nur eine, auch für ihn, sehr gefährliche Situation manövriert.

Elmore Leonard präsentiert dem Leser mit Raylan seine Version eines Thrillers, der weniger den Fokus auf das Verbrechen, sondern viel mehr auf die beteiligten Personen und ihre Beweggründe richtet. Gewohnt cool wird hier in einem schnodderigen Tonfall ein Gesamtbild gezeichnet, welches eine raue Welt aufzeigt, in der jeder versucht, bestmöglich zu überleben. Leonard ist und bleibt auch mit seinem neusten Werk der Meister des niveauvollen Pulp, der seine Konkurrenz blass aussehen lässt.

Christian Funke-Smolka