George Herriman: "Krazy Kat" (TASCHEN)

George Herriman: „Krazy Kat“ (TASCHEN)

Die kompletten Sonntagsseiten in Farbe 1935–1944

Geistreich, absurd, surreal – mit seinem Geniestreich Krazy Kat hat George Herriman Anfang des 20. Jahrhunderts einen zeitlosen Comicklassiker geschaffen und gezeigt, zu welchen Höhenflügen das noch junge Medium fähig ist. Ab Mitte der 30er-Jahre erschienen die bis dahin nur in Schwarz-Weiß veröffentlichten Geschichten als farbige Wochenendbeilage. Unser Band zeigt die kompletten KK-Strips in Farbe von 1935–1944, mit einer 100-seitigen illustrierten Einleitung von Comicfachmann Alexander Braun.

Die Grundsituation ist simpel: Schwarze Katze liebt durchtriebene weiße Maus, die ihr immerzu Ziegelsteine an den Kopf wirft, was wiederum Hundepolizist Offissa Pupp, in heimlicher Liebe zur Katze entflammt, zu verhindern sucht. Krazy Kat, George Herrimans legendärer Zeitungsstrip, erschienen von 1913 bis zu Herrimans Tod 1944, variiert diesen Plot immer wieder neu und auf so geistreiche Weise, dass er dem jungen Medium Comic Fans aus Milieus einbrachte, die man nicht unbedingt für comicaffin gehalten hätte: Gertrude Stein, F. Scott Fitzgerald, Pablo Picasso, James Joyce, US-Präsident Woodrow Wilson, Jackson Pollock, Charlie Chaplin, Frank Capra, P.G. Wodehouse, Willem de Kooning, allesamt bekennende KK-Fans. Dass diese absurd-melancholischen Variationen zum Thema unerwiderte Liebe so lange erscheinen konnten, verdankte Herriman Medien-Tycoon William Randolph Hearst, der ebenfalls ein eingefleischter Fan war und Herriman in seinen Zeitungen Carte blanche erteilt hatte, was dieser hemmungslos dazu nutzte, die Möglichkeiten des Mediums radikal auszuschöpfen, alle formalen Grenzen zu sprengen und der Leserschaft nicht nur surreale, dadaistische Szenerien und eine Sprache zuzumuten, die Slang, Neologismen, phonetische Schreibweise, um die Ecke gedachte Anspielungen und Bildungsverweise durcheinanderwirbelte, sondern auch noch die Geschlechterrollen diffus ließ, was Krazy Kat wohl zum ersten gender-fluiden Star der Comic-Geschichte macht.

Alexander Braun (geboren 1966) ist bildender Künstler mit zahlreichen Auszeichnungen, Stipendien und Ausstellungen. Neben seiner freien künstlerischen Tätigkeit studierte er Kunstgeschichte in Bochum und Berlin (Promotion 1996 zum Werk des amerikanischen Installationskünstlers Robert Gober). Braun hat in den letzten beiden Jahrzehnten eine der umfangreichsten Sammlungen zur Geschichte der Comics zusammengetragen. Seit 2008 kuratierte er zahlreiche Museumsausstellungen zum Thema, darunter 2012/13 die umfassende Retrospektive zum Werk von Winsor McCay. 2011 gründete er die German Academy of Comic Art.

© TASCHEN

Meinung zur Veröffentlichung:

Comicstrips, sowohl die daily strips als auch die Sunday pages, haben eine lange Tradition. Ende des 19. Jahrhunderts als Bilderbogen entstanden, wurden diese relativ schnell populär und entwickelten sich stetig weiter. Ab 1912 wurde zum ersten Mal eine fortlaufende Serie abgedruckt. Einer der Wegbereiter des klassischen Strips war George Herriman (* 22. August 1880 in New Orleans; † 25. April 1944 in Los Angeles), der nach zahlreichen, zum Teil sehr kurzlebigen Serien mit Krazy Kat Weltruhm erlangte und nicht nur als meisterhafter Pionier, sondern auch als stilprägender und von vielen anderen Comiczeichnern bewunderter Künstler geschätzt wird. So nennen ihn beispielsweise Will Eisner oder Charles M. Schulz als Inspiration für ihr künstlerisches Schaffen. Herriman, nicht nur kreativ und äußerst talentiert, sondern zudem noch fleißig, zählte schnell zu den höchstbezahlten Comiczeichnern seiner Zeit (einer Zeit, in der der Beruf des Comickünstlers unter den bestbezahlten Berufen überhaupt rangierte), wobei Anekdoten wiedergeben, dass er sich und seine Arbeit als zu gut bezahlt empfunden habe, weshalb er um eine Gehaltskürzung gebeten habe (der man, so sagt es die Geschichte, dann auch entsprochen habe). So blieb er auch bei wachsendem Erfolg ein eher bodenständiger, bescheidener Zeitgenosse, der sich lieber seiner Kunst und seiner Familie, als dem Kampf um höhere Honorare und Urheberrechtsstreitigkeiten widmete. Vielmehr zeigt er eine beachtliche Kreativität, die sich gerade in seinem Spätwerk in einer erstaunlichen Radikalität auslebte, der seine damaligen Leser nicht mehr so zahlreich folgten, ihn ab er nicht bewog, sich künstlerisch zu mäßigen, oder anzubiedern.  Herriman sträubte sich gegen einen „Dienst nach Vorschrift“ und ließ seine verrückte Katze eine Evolution vollziehen, die reinweg seinen künstlerischen Prinzipien folgte (und wahrscheinlich dafür verantwortlich ist, dass man auch heute noch von den Bildgeschichten fasziniert ist). so entdeckt man Anleihen beim Surrealismus, angereichert mit zahlreichen herrlich absurden Ideen und einem verspielten visuellen Humor, wobei zudem die unglaubliche Sprachgewandtheit Herrimans deutlich wurde, der mit Dialekten, Slang-Begriffen und Songtexten experimentierte und dabei so manches Mal alle damaligen Konventionen sprengte. George Herriman hatte das Glück, dass er mit dem US-amerikanischen Verleger und Medien-Tycoon William Randolph Hearst einen einflussreichen Fan und Fürsprecher hatte, der ihm auch bei ausbleibendem Erfolg ein Forum für seine Kunst bot und wir so auch heute noch in den Genuss der wahnwitzigen Strips kommen, die an vielen Stellen ihrer Zeit weit voraus waren.

TASCHEN veröffentlicht die kompletten von 1935 bis 1944 erschienenen Sonntagsseiten in Farbe im großartigen XXL – Format (30 x 44 cm, 632 Seiten, €150) als ein in Leinen gebundenes Hardcover in einem schön gestalteten Karton mit Tragegriff. Neben den herrlichen Strips befindet sich ein sehr lesenswerter, umfangreicher Text von Comic-Experte Alexander Braun, der hier detailliert auf das Leben des Künstlers, seinen multi-ethnischen Background, aber auch die gesellschaftlichen und kulturellen Einflüsse eingeht. Das hervorragend recherchiert und spannend geschriebene Essay ist umfangreich bebildert und bietet interessante Einblicke und Erklärungen zu den folgenden Strips.

TASCHENs Bildband George Herrimans „Krazy Kat“ bietet einen hervorragenden Blick auf das Schaffen eines großen Künstlers, der die Verschleierung seiner Herkunft mit Leidenschaft betrieb, gleichzeitig aber in seinen Geschichten genug Fläche für Deutungen und Vermutungen ließ, die seinem Werk mit dem jeweiligen Blickwinkel eine völlig neue Interpretation ermöglichte.

Erst gibt es nichts, nur eine leere Fläche und ein bisschen Tusche später dann die ganze Welt.“

Christian Funke