Harald Gilbers - Germania (Knaur)

Harald Gilbers – Germania (Knaur)

In der zerbombten Reichshauptstadt macht ein Serienmörder Jagd auf Frauen und legt die verstümmelten Leichen vor Kriegerdenkmälern ab. Alle Opfer hatten eine Verbindung zur NSDAP. Doch laut einem Bekennerschreiben ist der Täter kein Regimegegner, soCoverndern ein linientreuer Nazi. Der jüdische Kommissar Richard Oppenheimer, einst erfolgreichster Ermittler der Kripo Berlin, wird von der Gestapo reaktiviert. Für Oppenheimer geht es nicht nur um das Überleben anderer, sondern nicht zuletzt um sein eigenes. Womöglich erst recht dann, wenn er den Fall lösen sollte. Fieberhaft sucht er einen Ausweg aus diesem gefährlichen Spiel.

Harald Gilbers, geboren 1969, studierte Anglistik und Geschichte in Augsburg und München. Anschließend arbeitete er zunächst als Feuilleton-Redakteur beim Fernsehen, bevor er als freier Theaterregisseur tätig wurde. Er lebt in Erding.
(Quelle: Knaur)

Meinung zum Buch:

Germania ist das Romandebüt von Harald Gilbers und bietet eine Geschichte, die schon im Klappentext neugierig macht. Vor der Kulisse des zweiten Weltkriegs treibt ein Serienmörder im Berlin des Jahres 1944 sein Unwesen. Die verstümmelten Frauenleichen werden auffällig an Denkmälern drapiert. Da die ermittelnde SS zu keinem Ergebnis kommt, der Fall aber aufgrund seiner Brisanz geheim bleiben muss, entscheidet man sich zu einem für die Zeit ungewöhnlichen Schritt. Man zieht einen ehemaligen, nun vom Dienst suspendierten Kommissar hinzu, der große Erfolge bei der Ergreifung von Serientätern in der Vorkriegszeit vorweisen konnte. Einziger Haken: er ist Jude!

Harald Gilbers © Ronald Hansch

Harald Gilbers
© Ronald Hansch

Harald Gilbers gelingt das literarische Kunststück, in Sprache und Stil sachlich und nüchtern zu bleiben, dadurch aber eindeutig mehr Authentizität und Realismus zu erzeugen, als dies mit einer pompösen Prosa möglich gewesen wäre. Er verzichtet auf erfreulicherweise auf das gehäufte Auftreten der Nazi-Prominenz, sondern zeichnet sein Bild dieser Zeit an den Bürgern Berlins. Durch den Einsatz des Dialekts und der zu der Zeit üblichen Redewendungen und Schimpfwörter gelingt es dem Autor, dass man als Leser das Gefühl bekommt, sich in dieser Zeit zu befinden. Für seine Recherchen zog er zahlreiche Tagebücher unterschiedlichster Verfasser heran, die ihm einen punktgenauen Ablauf der klar terminierten Handlungsabläufe ermöglichte. Durch seine Inszenierung des Alltags wird deutlich, wie nahe Grauen und banaler Alltag auch in der Endphase des Krieges liegen konnte.

Harald Gilbers erzählt in seinem Romandebüt Germania (Knaur, 540 Seiten, € 9,99) eine sowohl spannende, sehr ungewöhnliche als auch hervorragend recherchierte Geschichte, die trotz der fiktiven Handlung einen unglaublich detaillierten und authentischen Blick auf die Zeit des Berlins um 1944 wirft. Dadurch bekommt der Leser neben einer clever konzipierten, perfekt erzählten Geschichte einen lebensnahen Einblick in das Leben und Denken dieser Zeit. Ein wirklich gelungener Roman, der auf weitere Bücher Harald Gilbers neugierig macht. Von mir gibt es eine eindeutige Empfehlung!

Christian Funke-Smolka