Jack Ketchum & Lucky McKee - Beuterausch (Heyne Hardcore)

Jack Ketchum & Lucky McKee – Beuterausch (Heyne Hardcore)

Die Romane von Jack Ketchum sind bei genauerer Betrachtung ziemlich gemein! Auf den ersten, oberflächlichen Blick kommen sie dem unvorbereiteten Leser wie ein gewöhnlicher, schnell lesbarer und teils recht grober Horrorroman vor, doch dann tritt einem der Autor mit seiner sich immer mehr aufbauenden, sozialkritischen Geschichte, aus dem Stand die Beine weg!

Meine erste Erfahrung hatte ich mit seinem Roman Evil, der mich noch lange nach Beendigung des Buches fassungslos zurückließ. Selten hatte ich etwas so unglaublich verstörendes und lange nachklingendes gelesen, wie hier! Aufmerksam geworden, las ich nun alle verfügbaren Romane, um immer, und das trotz Vorwarnung, diese Erfahrung zu machen. Einen Jack Ketchum – Roman liest man nicht einfach, man durchlebt ihn!

Der hier vorliegende Roman Beuterausch aus dem Hause Heyne, dort unter dem bei Freunden interessanter und abseitiger Literatur sehr geschätzten Hardcore-Label veröffentlicht, stellt eine Weiterführung der Geschichten Beutezeit (Off Season, Ketchums Debüt aus dem Jahre 1980) und Beutegier (Offspring, 1989) dar. Hier wird die Geschichte einer Sippe beschrieben, welche fernab jeglicher Zivilisation mit ihren eigenen Regeln und Kommunikationsformen aufwachsen. Das moralische Korsett der modernen Gesellschaft gilt für die hier lebenden nicht, und so hausen sie abseits in Höhlen, ziehen von einem Ort an den anderen, und ernähren sich von dem, was man findet oder gejagt hat. Man vermehrt sich entweder durch Geschlechtsverkehr innerhalb der Gruppe oder der Entführung von Babys, damit die Gruppe stark, zeugungs- und überlebensfähig bleibt. Um nicht zu verhungern, schreckt man auch nicht vor dem Verspeisen von Leichen zurück. Als man in Beutegier der Zivilisation erneut zu nahe kommt, spürt man die „Familie“ auf, und versucht sie zu vernichten. Einzig eine Person überlebt.
Hier setzt nun die Geschichte von Beuterausch an. Die Vorfälle des zweiten Teils liegen zwei Tage zurück, und die Überlebende hat sich in einer abgelegenen Höhle versteckt, um ihre Wunden heilen zu lassen.
Parallel dazu lernen wir die Familie Cleek kennen. Er ist Anwalt, und lebt seine sehr konservative Anschauung von Recht und Ordnung in seiner Familie aus. Seine Frau und die drei Kinder müssen ihm bedingungslos gehorchen, ansonsten wird dies von ihm mit strenger Hand bestraft. Bei einem Jagdausflug entdeckt er zufällig die Überlebende in ihrer Höhle, und beschließt, sie einzufangen, und in seiner Vorratshütte hinter seinem Wohnhaus zu „erziehen“. Dies bedeutet im Klartext, dass sie dort angekettet gefangen gehalten wird, ihr Kleider näht, und versucht, sie auf teils drastische Weise zu zivilisieren, beziehungsweise ihren Willen zu brechen.

Dies erinnert in groben Zügen an die Geschichte von Evil, und zeigt erneut eines der favorisierten Themen des Autors: die Macht von dominanten Erwachsenen (in diesem Fall sogar mit extrem sadistischen Zügen) über Heranwachsende und labile Menschen. Immer deutlicher stellt sich dem Leser dabei die Frage, wer hier Jäger, und wer wirklich das Opfer ist.

Jack Ketchum

Die Hauptgeschichte ist mit 230 Seiten recht kurz aber gewohnt knackig, dazu kommt noch eine angehängte Kurzgeschichte namens Das Vieh. Geschrieben ist Beuterausch in einem Stil, der Ketchum-typisch ist: Sätze wie Peitschenhiebe – präzise, auf das Nötigste reduziert und knallhart! Dieses Mal jedoch erhielt er Unterstützung durch den bekannten Drehbuchautoren und Regisseur Lucky McKee (Masters of Horror oder die Ketchum-Verfilmung Red), der die Geschichte parallel als Drehbuch verfasste, um den Roman zu verfilmen (The Woman, USA 2011). Dieser scheint auch einen großen Einfluss auf die Geschichte gehabt zu haben, da Passagen des Buches oftmals als mit Blick auf die Verfilmung gerichtet geschrieben erscheinen. Die abschließende Geschichte Das Vieh zeigt dann wieder einen ungefilterten Jack Ketchum auf Hochtouren, und bringt die Geschichte zu einem befriedigenden Ende.

Beuterausch zeigt wieder mal deutlich auf, was die Stärke dieses Autors ist. Kaum einem anderen gelingt es, seine Geschichten so weit über den plakativen Horror hinausschießen zu lassen, und eine vielschichtige, tiefgehende Erzählung über die Schattenseiten der modernen Gesellschaft zu verfassen. Dabei ist der Druck der in den Beschreibungen der Familiensituation der Cleeks beschrieben wird so immens, dass das Ende in seinem genretypischen Finale wie ein emotionaler und reinigender Befreiungsschlag wirkt. Der Horrorroman zeigt sich erneut als Spiegel von Bereichen der modernen Gesellschaft, als Sprachrohr, welches die dunklen Winkel der menschlichen Seele ans Licht holt.

Christian Funke-Smolka