Jack Ketchum - The Lost  (Heyne Hardcore)

Jack Ketchum – The Lost (Heyne Hardcore)

> Unversehrte Menschen gibt es nicht. <
-Peter Dexter, The Paperboy-

Das die Welt, und vor Allem die sich auf ihr befindlichen Menschen und deren Umgang miteinander, nicht immer nur schön und friedlich sind, ist jedem klar. Aus diesem Grunde schießen Ablenkungsprodukte in Form von intellektuell wenig fordernder Medienbeschallung oder immer neuen elektronischen Spielsachen für Erwachsene wie Pilze aus dem Boden. Aber es gibt einige Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihre Mitmenschen aufzurütteln, zu warnen, oder ihnen einfach mit dem Vorschlaghammer der unangenehmen Wahrheit einen vor die Stirn zu geben.
Dallas Mayr, besser bekannt unter seinem Pseudonym Jack Ketchum, ist solch einer. Der ehemalige Schauspieler, Lehrer oder Holzverkäufer begann vor einigen Jahren mit der Schreiberei, hier war sein Debüt im Jahr 1980 jedoch eher dem grausamen Terror einer Kannibalen-Familie zuzuordnen, ehe er sich dann mit dem auf wahre Tatsachen beruhenden Roman Evil (im Original: The Girl Next Door) einen Namen auch bei den ernsthaften Lesern und Kritikern machen konnte. Der Weg, sich an Hand eines real existierenden Falls literarisch mit diesem auseinanderzusetzen, zeichnete fortan sein Werk aus. In einem Interview (ich habe leider keine Quelle, sondern gebe es mal aus der Erinnerung wider) äußerte er einmal, dass der Alltag so viele grausame Anstöße geben könne, wie er sie sich als Autor gar nicht auszudenken vermag.

The Lost ist ein weiteres Beispiel solch einer Geschichte. Sie handelt von dem jungen Rockabilly Ray Pye, der zwar in seiner Körpergröße mit 1,60m sehr klein ist, dies aber mit höheren Absätzen, Einlagen aus zertretenen Dosen und einem unglaublichen Charisma wettmachen kann, und damit viele Menschen für sich einzunehmen weiß. Sein großes Problem jedoch ist sein labiler, soziopathischer Charakter, welches kein Unrechtsbewusstsein oder irgendwelche Empathie für seine Mitmenschen aufkommen lässt. Als er mit seinen Freunden Jennifer und Tim im Sommer 1965 zeltet, trifft er zufällig auf zwei, ebenfalls dort campende, junge Frauen, welche von ihm direkt in ein für ihn realistisches Weltbild eingestuft werden, und damit seinen permanent schwelenden Zorn auf sich zu ziehen. Da er seine beiden labilen Freunde relativ schnell beeinflussen kann, kommt es zu einer erschreckend grausamen und völlig sinnlosen Tat, welche das Leben aller Beteiligten dauerhaft verändert.
Vier Jahre später sind die Drei immer noch befreundet, wobei man bei Tim und Jennifer sowohl Faszination als auch Furcht im Umgang mit Ray bemerkt. Dieser ist so selbstherrlich und von sich überzeugt, dass es als Leser beinahe schmerzhaft ist. Doch äußerer Druck, der auf Ray ausgeübt wird, fördert seine dunkle Seite immer deutlicher zu Tage, so dass man Zeuge seines Weges auf einer nach untern führenden Spirale der Gewalt wird. Ein Weg, auf dem ihn niemand stoppen kann…

The Lost ist sehr detailliert in seinen Beschreibungen, und genau hier liegt die Stärke des Romans. Es ist keine platte Aneinanderreihung brutaler Gewalttaten, sondern eine feinfühlige Analyse der Situation, eine ausgewogene Charakterzeichnung und eine detaillierte Beschreibung der damaligen Lebensumstände zwischen Hippiebewegung und dem Verlust der amerikanischen Unschuld durch die Spätfolgen des JFK-Attentats und dem Vietnamkrieg, Drogenkonsum und Charles Manson. All dies wird dabei durch die Hauptfigur treffend symbolisiert. Verklärung trifft auf Realismus, und wirkt, als hätte Stephen King Andrew Vachssgetroffen.

Jack Ketchum

In Deutschland wird der Autor zu Recht vom Heyne – Verlag unter ihrem Label Heyne Hardcore veröffentlicht. Da man hier spezialisiert ist auf Literatur jenseits des Massengeschmacks, ist Ketchum hier gut aufgehoben und befindet sich in illustrer Gesellschaft (ich denke zum Beispiel an den ähnlich gelagerten Roman Ein Akt der Gewalt von Ryan David Jahn). Es ist der erste Ketchum – Roman, der in Deutschland als gebundene Ausgabe erscheint, und mit seinem im Vergleich zu seinen anderen Büchern größeren Umfang von 432 Seiten wirkt er beinahe episch. Die Gestaltung ist dabei so ästhetisch wie auch gelungen. Der Einband wirkt auf den ersten, oberflächlichen Blick mit seinem sehr idyllischen Bild zweier Menschen an einem Baum beinahe beruhigend, bis man die Situation dieser Menschen auf dem Bild genauer betrachtet…

Jack Ketchum ist ein Kunstwort, welches sich erstens auf den im Jahr 1686 gestorbenen Henker Jack Ketch bezieht, und der Autor sich so als Scharfrichter seiner Figuren sehen kann, man kann den Namen aber auch, spricht man ihn laut aus, als „Jack, Catch‘ em“ lesen, was so viel bedeutet wie „Jack, fang‘ sie“.

Egal wie man seinen Namen nun deutet, ihn dem vorliegenden Buch The Lost (Heyne Hardcore, gebundene Ausgabe, 432 Seiten) gelingt es Jack Ketchum wie selten zuvor, den Leser zu fangen.
Ich muss gestehen, ich bin seit Jahren ein großer Verehrer der Bücher des Autors, und kenne nahezu alle seine Romane. Bisher waren sowohl Red (deutscher Titel: Blutrot) als auch Evil meine persönlichen Favoriten, da sie sowohl was den Stil als auch die Entwicklung der Charaktere den anderen, auch sehr guten, Geschichten auf einem hohen Niveau überlegen waren. Mit The Lost jedoch stößt er diese beiden Romane von ihrem Platz, und setzt sich direkt an die Spitze. Wirkten viele seiner Geschichten auf Grund des eher abrupten, auf Effizienz ausgelegten Schreibstils an vielen Stellen zwar temporeich aber manchmal zu knapp bemessen, widmet er sich in The Lost einer detaillierten, subtilen Charakterzeichnung, die nicht nur skizziert wirkt, sondern jeder einzelnen Person genug Raum zur Entwicklung gibt. Der Kniff, die Geschichte im Jahr 1965 mit einem brachialen Einstieg zu beginnen, und dann ins Jahr 1969 zu springen, und deutlich die Entwicklung der eingangs eingeführten Personen nach der grausamen Tat zu zeigen, ist sehr geschickt, und bindet den Leser emotional an die Figuren! Dadurch wirkt der weitere Verlauf wesentlich authentischer und letztendlich schockierender!
Es ist die Stärke Ketchum’s, nicht moralischer Ankläger sondern Warner zu sein. Er deutet auf Missstände, weist auf die Folgen hin, eine Meinung jedoch muss sich der Leser allerdings selber machen!
The Lost ist ein weiterer Beweis des Talentes des Autors Jack Ketchum, und weiß seinen Leser zu packen, um ihn dann in einem völlig unerwarteten Moment eiskalt zu erwischen. Eine Geschichte, die sowohl fesselt als auch aufrüttelt, und von mir jedem dringend empfohlen wird!!!

Christian Funke-Smolka