James Ellroy: Der Hilliker Fluch - Meine Suche nach der Frau  (Ullstein)

James Ellroy: Der Hilliker Fluch – Meine Suche nach der Frau (Ullstein)

Der im Jahr 1948 in Los Angeles geborene James Ellroy ist einer der härtesten und zynischsten Autoren der Thriller-Szene, der sich mit seiner Betrachtung der bösen und dunklen Seite der amerikanischen Gesellschaft einen Namen gemacht hat. Seine R omane erreichten schnell eine hohe Popularität, sein ihm eigener lakonischer Stil, dem aneinanderreihen der Wörter mit dem Tempo von Maschinengewehrfeuer und der hohen, komplexen Satzverdichtung in Verbindung mit einem alles durchziehenden Pessimismus und einer radikalen Weltanschauung, die geprägt von einem tiefen Konservatismus und Religiosität ist, lassen einen Blick auf einen Mann zu, der ein Getriebener mit einem tiefsitzenden Wahn zu sein scheint, nicht unähnlich den Neurotikern und Psychopathen seiner Romane und Erzählungen.

Ellroys bisheriges Leben ist geprägt durch ein Trauma, welches ihm im Alter von 10 Jahren widerfuhr und fortan bewusst und unbewusst sein Leben und sein gesamtes Werk beeinflusste. Nach der Scheidung seiner Eltern lebt der junge James Ellroy bei seiner alkoholabhängigen Mutter, mit der ihn eine Art Hass-Liebe verband. Ihr in seinem kindlichen Denken im Streit den Tod wünschend, wurde seine Mutter, Jean Hilliker, 1958 erdrosselt. Der Mörder wurde nie gefasst, der junge Ellroy jedoch lud sich die Schuld ihres Todes auf Grund seines kindlich-naiven Wunsches auf seine Schultern. Fortan lebte er bei dem zwar bemühten aber gnadenlos überforderten Vater, der ihm einerseits die Thriller eines Raymond Chandler oder Dashiell Hammett nahebrachte, ihm aber andererseits jegliche Erziehung verweigerte, so dass sich der pubertierende Ellroy ganz seinen Phantasien hingeben konnte. Diese waren von frühster Jugend an auf Frauen fixiert, so dass er er erst heimlich spannte, später auch in Häuser einbrechend, diese verfolgte. Als die Drogen und der Alkohol in sein Leben traten, begann eine lange Jahre andauernde Abwärtsspirale, der er sich erst in den späten 70`ern entziehen konnte.

All dies beschreibt James Ellroy in seinem neuen Buch Der Hilliker Fluch – Meine Suche nach der Frau (Ullstein, 256 Seiten, gebundene Ausgabe) in einer verstörenden und sprachlos machenden Offenheit und einer ihm typischen gnadenlosen Selbstanalyse. In seinen Schilderungen schont er weder sich selbst noch den Leser, tief führt er ihn in die Welt von Wahnsinn, Paranoia, verschrobener Weltanschauungen und Angstattacken. Alle Frauengeschichten, die Affären, seine Ehen und die Beziehungen zu seien Phantasie-Frauen werden offen dargelegt und zeigen im nüchternen Rückblick seine Suche nach der Einzigen und Wahren, wie er sie nennt: seine in jungen Jahren verlorene Über-Frau, die ihn damit für immer verfluchte. Seine Versuche, diesem Fluch durch Drogen, Alkohol, anderen Frauengeschichten oder der literarischen Verarbeitung zu entkommen, waren aus seiner Sicht zum Scheitern verurteilt.

James Ellroy

Ellroys Offenbarung erinnert an die großen biografischen Geschichten der Literaturszene. Man meint, eine manische Form eines Henry Millers zu erkennen, noch eher schimmert ein Klaus Kinski durch, der in seiner Abhandlung „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ eine ähnliche schonungslose Offenheit darlegte.

Der Hilliker Fluch – Meine Suche nach der Frau ist ein Buch, welches neben den bekannten auch viele bisher unbekannte Seiten des James Ellroy zeigt. Hinter dem lauten, provozierenden, religiös-konservativen Menschen mit einem offenen Hang zum Rassismus befindet sich der von seinen wahnhaften Phantasien geleitete, ängstlich-neurotische überaus sensible Mann, der irgendwie immer zehn Jahre alt geblieben zu sein scheint. Ein faszinierendes und emotional berührendes Buch!

Christian Funke-Smolka