Jasper Fforde: “Eiswelt” (Heyne)

Jasper Fforde: “Eiswelt” (Heyne)

In einer Welt, die der unseren gar nicht so unähnlich ist, hat die Eiszeit nie aufgehört. Jedes Jahr versinkt während der Wintermonate alles in Eis, Schnee und Dunkelheit. Selbst die Menschen ziehen sich zurück und halten Winterschlaf – außer die Winterkonsuln. Sie wachen über den Schlaf der Menschen, denn draußen in der Dunkelheit treiben heulende Bestien ihr Unwesen. Hier tritt der junge Charlie seine erste Arbeitsstelle an, und sie entwickelt sich schon bald zu einem Albtraum. Denn wenn Charlie diesen Winter überleben will, muss er wach bleiben. Um jeden Preis…

Jasper Fforde, Jahrgang 1961, ist gebürtiger Londoner und war viele Jahre in der Filmindustrie tätig, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Sein erster Roman »Der Fall Jane Eyre« um die Zeitdetektivin Thursday Next war weltweit ein großer Erfolg. Mit Eiswelt schlägt Fforde nun ein neues Kapitel in seinem Schreiben auf. Der Autor lebt in seiner Wahlheimat Wales.

© Heyne & Mari Fforde

  Meinung zur Veröffentlichung:

Der junge Charles Worthington lebt in einer Welt, ähnlich der unseren. Doch hier hat die Eiszeit nie aufgehört, weshalb die Menscheit die Fähigkeit entwickelt hat, in den kältesten Monaten einen Winterschlaf zu halten. In diesem Zeitraum begeben sie sich in Schlafstätten, die sogenannten Dormitorien, wo sie wohlgenährt und von den Winterkonsulen bewacht, schlafend auf den Frühling warten. Charles strebt einen Ausbruch aus seinem bisherigen Leben an und wäre gerne einer dieser angesehenen Konsule, denen zudem noch eine entsprechende Entlohnung und eine medizinische Versorgung zusteht. Die Arbeit ist hart und gefährlich, verspricht jedoch viel Abwechslung in seinem bisher eher tristen Leben. Doch was ihn tatsächlich erwartet, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Denn die Schläfer werden von intensiven und entsprechend kräftezehrenden Träumen geplagt. Dadurch entsteht eine körperliche Unterversorgung, so dass sie den Winterschlaf nicht unbeschadet überstehen und als hirn- und seelenlose Untote erwachen…

Jasper Fforde, ehemaliger Kameraassistent bei Hollywood-Produktionen wie James Bond 007 – GoldenEye oder Die Maske des Zorror, veröffentlichte im Jahr 2001 mit Der Fall Jane Eyre seinen ersten Roman. Ihm gelang mit der Reihe um die Protagonistin Thursday Next ein großer Erfolg, so dass noch weitere sechs Romane folgen sollten. Dazu gesellten sich weitere Romane und Buchreihen, ehe er sich im Jahr 2014 aus der Öffentlichkeit zurückzog.

Vier Jahre später meldet er sich mit seinem komplexen, sehr umfangreichen Roman Eiswelt fulminant zurück! Was der Autor hier aufbaut, ist eine bis in das kleinste Detail durchdachte, in ihrer skurrilen Andersartigkeit in sich logisches Konstrukt einer „was-wäre-wenn“-Parallelwelt, die trotz ihrer extrem humorvollen, teils herrlich absurden Ideen und der unglaublich bildhaften Sprachgewalt spannend und faszinierend bleibt. Fforde erschafft eine Ansammlung phantasievoller Figuren, die in ihrem absonderlichen Verhalten in ihrem Lebensraum ein passgenaues Gesamtbild ergeben, welches die eigene Phantasie dazu anregt, sich eigene Bilder vorzustellen und tief in die Geschichte und ihre ungewöhnliche Umwelt einzutauchen. Auch wenn es an manchen Stellen mit seiner Vorstellungskraft und Sprachfertigkeit durchgeht und man schmunzelnd den Kopf schütteln muss, ist es ein inhaltlicher und sprachlicher Genuss, sich auf die Geschichte einzulassen!

Eiswelt (Originaltitel: Early Riser, Großbritannien 2018) erscheint in einer Übersetzung aus dem Englischen von Kirsten Borchardt als geprägtes Paperback mit Klappenbroschur bei Heyne (656 Seiten, €14,99). Neben einer schwarz-weißen Abbildung (dem Aufbau des Dormitorium) befindet sich noch ein Nachwort des Autors in dem Buch.

Jasper Fforde gelingt ein detailverliebter, inhaltlich so spannender wie phantasievoll verspielter Fantasy-Science-Fiction-Roman, der sich perfekt für die kalte Jahreszeit eignet. Von mir gibt es eine eindeutige Empfehlung!

Christian Funke