Jeanine Cummins: „American Dirt” (rororo)

Jeanine Cummins: „American Dirt” (rororo)

Der Nummer-1-Bestseller der New York Times-Bestsellerliste: Eine Mutter und ihr Kind auf einer atemlosen Flucht durch ein Land, das von Gewalt und Korruption regiert wird

Gestern besaß sie noch einen wunderbaren Buchladen.
Gestern war sie glücklich mit ihrem Mann, einem Journalisten.
Gestern waren alle, die sie am meisten liebte, noch da.
Heute ist ihr achtjähriger Sohn Luca alles, was ihr noch geblieben ist.

Für ihn bewaffnet sie sich mit einer Machete.
Für ihn springt sie auf den Wagen eines Hochgeschwindigkeitszugs.
Aber findet sie für ihn die Kraft, immer weiter zu rennen? Furchtlos und verzweifelt, erschöpft und jede Sekunde wachsam.

Lydias gesamte Verwandtschaft wird von einem Drogenkartell ermordet. Nur Lydia und ihr kleiner Sohn Luca überleben das Blutbad und fliehen in Richtung Norden.
Sie kämpfen um ihr Leben.

Die Amerikanerin Jeanine Cummins wurde in Spanien geboren. Nach zehn Jahren im Verlagswesen kehrte sie der Branche den Rücken, um ausschließlich als Autorin zu arbeiten. Gleich ihr erstes Buch, ein Memoir, in dem sie ihre eigene tragische Familiengeschichte verarbeitete, wurde ein durchschlagender Erfolg und zum New-York-Times-Bestseller. Jeanine Cummins lebt mit ihrer Familie in New York.

© rororo & Joseph Kennedy

Meinung zur Veröffentlichung:

Lydia Quixano Pérez lebt mit ihrem Mann, dem angesehen Journalisten Sebastián und ihrem achtjährigen Sohn Luca ein angenehmes Leben in Acapulco, Mexiko. Sie betreibt eine kleine Buchhandlung im Stadtinneren, ihr Mann berichtet in seinen Artikeln über die örtlichen Kartelle. Dabei ist er diesen offensichtlich zu nahegetreten, denn Mitglieder des Drogenkartells Los Jardineros stürmen während einer Geburtstagsfeier das Grundstück und ermorden ihn und die gesamten Gäste. Einzig Lydia und Luca entkommen dem Massaker. Es ist der Beginn einer traumatischen Odyssee für die Mutter und ihrem Sohn…

Mit ihrem vierten Buch American Dirt schreibt die in New York lebende Autorin Jeanine Cummins über die Flucht einer traumatisierten mexikanischen Mutter und ihrem Sohn. Beginnend mit dem Massaker, wird der Leser ohne Vorwarnung in das Geschehen gezogen. Bei seiner Veröffentlichung wurde der Roman zwiespältig aufgenommen, ein Kritikpunkt war der Vorwurf der kulturellen Aneignung. Es gehöre sich nicht, als weiße Bildungsbürgerin eine Geschichte aus der Perspektive einer ethnischen Minderheit zu schreiben. Mit Verlaub halte ich diesen Standpunkt für absoluten Blödsinn, denn genau hier liegt ja der Kern der künstlerischen Freiheit, sich in andere Menschen und/oder deren Situationen hineinzuversetzen und im günstigsten Fall den Leser dabei mitzunehmen. Dies jedoch – und das ist mein einziger Kritikpunkt an American Dirt – gelingt der Autorin nicht durchgängig. Offensichtlich schwankte sie zwischen den Ansprüchen, ein glaubhaftes Portrait zu zeichnen, oder einen klassischen Unterhaltungsroman zu schreiben. Letzteres funktionierte prächtig, ersteres wirkt jedoch aufgrund zahlreicher Stereotype und einiger inhaltlicher wie stilistischer Holprigkeiten aufgesetzt. So haben wir hier einen sehr dynamischen Stil, der einen als Leser schnell einfängt und das Empfinden einer Mutter, die sich um ihr Kind sorgt, glaubhaft darstellt. Hier wirkt die Geschichte und ihre Figurenzeichnung stimmig! Schwierig wird es in solchen Momenten, wo die Autorin versucht, den politischen Aspekt und das seelisch-emotionale Empfinden lateinamerikanischer Einwanderer einzubinden. Hier hat sich Jeanine Cummins sehr hohe Ziele gesetzt, die sie zwangsläufig nicht erreichen kann. Blendet man den Aspekt des „Verbots der kulturellen Aneignung“ aus, bleibt somit ein spannender und gut lesbarer Roman, der sich in seinem Kern um Liebe und Verantwortung dreht. Was man anschließend weiter hineininterpretieren möchte, bleibt jedem zum Glück selbst überlassen.

American Dirt (Originaltitel: American Dirt, USA 2020) erscheint in einer Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Naumann bei rororo als Taschenbuch (560 Seiten, €15) und eBook. Erstgenanntes lag mir zur Ansicht vor und hatte in der ansprechend gestalteten Klappenbroschur im Innenteil einen Kartenausschnitt vom Golf von Mexiko. Im Anhang zum Roman befand sich eine sehr sympathische Danksagung der Autorin.

Jeanine Cummins beleuchtet in ihrem neusten Roman American Dirt das Schicksal lateinamerikanischer Flüchtlinge. Auf spannende Weise gelingt es ihr, Tempo, Thrill und Emotionen auf einem hohen und oftmals glaubhaften Level zu halten, wobei es jedoch auffällt, dass sie als weiße Amerikanerin die Geschichte als Außenstehende verfasst. Auch wenn sie inhaltlich deshalb nicht in die Tiefe geht (gehen kann?), der Roman deshalb eher an der nicht immer klischeefreien Oberfläche kratzt, ist American Dirt ein spannender und gut lesbarer Thriller.

Christian Funke