Jeffrey Deaver - Carte Blanche – Ein James-Bond-Roman (Blanvalet)

Jeffrey Deaver – Carte Blanche – Ein James-Bond-Roman (Blanvalet)


Wenn man erfährt, dass ein Autor, den man auf Grund seiner spannenden und gut recherchierten psychologischen Thriller sehr schätzt, einen Roman schreibt, der in einem Genreuniversum spielt, welches festen Regeln und Vorgaben unterliegt, dann ist man schon mal sehr gespannt. Wenn dieses Genreuniversum dann auch noch das des wohl bekanntesten, und mit seinen Verfilmungen ebenfalls vom Rezensenten sehr geschätzten britischen Agenten im Auftrag seiner Majestät ist, nämlich 007 James Bond, dann ist das schon ein Grund, mehr als aufmerksam aufzuhorchen, und sich das Veröffentlichungsdatum rot im Kalender zu markieren.

Nun halte ich den Roman in den Händen, er trägt den Titel Carte Blanche: Ein Bond-Roman, und es ist an sich schon ein Pfund von einem Buch! 544 Seiten im großformatigen broschierten Hardcover sind schon ein echter Brocken, der beim ersten blättern auch sofort satte Spannung und Action in extrem hohem Tempo verspricht!
Aber wenn man Jeffrey Deaver (Der Insektensammler, Nachtschrei) kennt, hofft man, dass es sich hier nicht um ein hirnloses Actionspektakel handeln wird, sondern der Autor geschickt mit den Vorgaben der Marke James Bond zu hantieren versteht, und ihr trotz der hohen Erwartungen (und der Begutachtung mit Argusaugen) der Fanbase interessante Neuerungen entlocken kann. Was direkt auffällt, ist der zweideutige Titel Carte Blanche, der direkt die Funktion einer „Blankovollmacht“ für Geheimagenten hinterfragt. Welche Mittel und Wege sind für Agenten wie James Bond im Namen der nationalen und internationalen Sicherheit legitim, und welche (moralische) Grenze darf nicht überschritten werden.
Man merkt dem Autoren seine Liebe zu dem James Bond – Franchise und seinen Spaß an der Arbeit deutlich an, gelingt es ihm doch, trotz einiger biografischer Veränderungen seine Hauptfigur, die klassische Bond-Charaktere wie zum Beispiel M, Mrs. Moneypenny oder Felix Leiter auftauchen zu lassen, und die Geschichte dabei dem 21. Jahrhundert anzupassen. Damit ist Carte Blanche ein literarisches Reboot, wie die Verfilmung Casino Royal es damals aus filmischer Sicht war.

Die Geschichte von Carte Blanche ist eine für James Bond typische Story, beginnt sie doch mit einem entspannten Abend in Begleitung einer schönen Frau, als er die Meldung über einen geplanten, kurz bevor stehenden Anschlag mitgeteilt bekommt. Tausende Menschenleben stehen auf dem Spiel, und da die britischen Sicherheitsinteressen unmittelbar betroffen sind, ist den obersten Regierungsstellen schnell klar, das nur einer die Gefahr abwenden kann: James Bond!
Wieder gilt es, gegen einen größenwahnsinnigen Verbrecher und seine Schergen anzugehen, und die Schauplätze wechseln wie seine Frauengeschichten. Hier ist es eindeutig dem Talent des Autoren zu verdanken, dass dies nicht wie ein billiger Abklatsch alter Geschichten wirkt, sondern durch seine modernen Bezüge und die eingestreute Ironie einen eigenständigen und frischen Geschmack hat!

Die Unterschiede zu Flemings Bond sind deutlich. Dieser war ein typisches Produkt seiner Zeit, überstilisiert, perfekt in jeder Lebenslage, mit einem Hang zu süffisanter Ironie. Deavers Bond ist dahingehend eine Figur der Gegenwart, ein grandioser Stratege, intelligent, aber auch skrupellos und getrieben von einer Obsession.

Auffallend waren die oft auftretenden Produktplatzierungen, welche zwar aus den James Bond – Filmen hinlänglich bekannt sind, mir aber in der Literatur bis dato noch nie in dieser geballten Form aufgefallen sind.

Jeffrey Deaver gelingt es, mit Carte Blanche: Ein Bond-Roman nicht nur eine Huldigung einer der wohl langlebigsten Figuren der Kulturgeschichte zu verfassen, sondern sein dem Schöpfer Ian Fleming gewidmeter Roman ist eine herrlich rasante und fesselnde Frischzellenkur, die sich dem Mythos mit Respekt und Ironie nähert, und somit einen gelungenen Startschuss für eine (hoffentlich geplante) Fortsetzung darstellt. Denn eines merkt man als Leser deutlich, Jeffrey Deaver ist nach einer aus meine Sicht längeren Durststrecke endlich wieder mit Herzblut bei der Sache, und auch wenn die Story ein wenig simpler als so mancher seiner Thriller ist, der Leser profitiert von diesem doch eher ungewohnten Deaver. Ich persönlich würde mich freuen, mehr Bond -Romane von diesem Autoren lesen zu können!

Buchtrailer

Christian Funke-Smolka