Jim Thompson - Blind vor Wut (Heyne Hardcore)

Jim Thompson – Blind vor Wut (Heyne Hardcore)

9783453676060Es gibt Autoren, deren Leben ist mindestens genauso interessant, lebhaft und facettenreich wie die von ihnen erzählten Geschichten. Charles Bukowski war so ein Autor, William S. Burroughs ebenso, ein weiterer Jim Thompson. 1906 in Oklahoma als Sohn eines Anwalts und Buchprüfers geboren, litt er als Kind sehr unter der Spiel- und Alkoholsucht seines Vaters, der sich regelmäßig mit dem Gesetz anlegte und später seiner Verhaftung durch eine Absetzung nach Mexiko entzog. Der Junge Thompson verdiente sich sein Geld unter anderem durch Alkoholschmuggel für Al Capone, was dazu führte, dass er einen exzessiven Lebenswandel führen konnte und mit 19 Jahren schon Alkoholabhängig und nervlich am Ende war.
Nachdem er seinen Universitätsabschluss machte, versuchte er sich, sein Geld durch das verfassen von True-Crime- Geschichten zu verdienen. Da dies misslang, arbeitete er auf den Ölfeldern, und verfasste Drehbücher für größere Hollywood-Filme (unter anderem „The Killing“ für Stanley Kubrick). Weiterhin schrieb er mehrere Romane, die zwar allesamt verlegt wurden, ihm jedoch nur einen Geheimtipp-Status verschafften. Seine immer wiederkehrenden Alkoholkrisen führten bei dem Autor Anfang der 60 er Jahre zu einem schweren Schlaganfall, von dem er sich nie mehr wirklich erholte. Verbittert und verarmt starb er an Unterernährung im April 1977 in Hollywood.

Hier vorliegend haben wir seinen letzten Roman Blind vor Wut (Heyne Hardcore, 368 Seiten, € 9,99) als deutsche Erstveröffentlichung.jim_thompson_1
Heyne Hardcore veröffentlicht Blind vor Wut in der gelungenen Übersetzung von Peter Torberg, der schon einige Romane vom Roger Smith, Irvine Welsh oder Daniel Woodrell adäquat für den deutschen Markt übersetzte. Nach einem interessanten Vorwort von Ed Gorman (amerikanischer Autor, der sich intensiv mit Jim Thompson auseinandergesetzt hat) folgt nach dem Roman noch die Novelle „Ein Pferd in der Babywanne“.

Die Geschichte Blind vor Wut handelt von dem 18 Jahre alten Afroamerikaner Allen Smith, der als intelligenter, sehr belesener Sohn einer weißen Edelprostituierten aufwächst. Von ihr als Kind missbraucht verbindet ihn eine Hassliebe zu seiner Mutter. Die Geschichte folgt dem jungen Mann auf seinem Weg nach New York, wo er nach seinem Verweis aus der Militärschule versucht, seinen High-School-Abschluss zu machen. Das Leben in dem dortigen eher wohlhabenden Viertel ist für Allen geprägt von Erniedrigungen, was seinen Hass auf die Menschen und seine Umgebung ins nahezu unermessliche steigert. Auch der Kontakt zur jungen Josie ändert nichts an seiner Einstellung. Doch diese entdeckt, was wirklich hinter der manipulativen Fassade Allens steckt, als es zu einem tragischen Zwischenfall kommt. Allen versucht ohne Rücksicht auf Verluste, alles niederzureißen was ihn umgibt. Auch die, die ihm nahestehen.

Blind vor Wut ist ein Buch, welches es dem Leser nicht leicht macht. Geprägt von der emotionalen Grundstimmung des Autors reißt es den Leser in einen Strudel aus Gewalt, Hass und Perversion, welches den geistigen Zustand, der die letzten Jahre Thompsons prägte, deutlich nach außen transportiert. Dabei wirkt die Geschichte wie die Versatzstücke des Gesamtwerkes Thompsons, wobei er versucht, neben einer satirischen Überzeichnung des Rassismus der 70′ er eine Sozialstudie einer verkommenen Gesellschaft aufzuzeichnen. Heraus kommt jedoch eine teils überspitzte Mischung aus Gewaltphantasien, vulgär dargestellter Sexualität verpackt in einer brachial-derben Sprache.

Blind vor Wut ist ein für Jim Thompson-Leser interessantes Buch, welches aber bei weitem nicht an seine Noir – Klassiker heranreicht. Ein derbes und brutales Buch eines verbitterten Genies.

Christian Funke-Smolka