Jim Thompson - In die finstere Nacht  (Heyne Hardcore)

Jim Thompson – In die finstere Nacht (Heyne Hardcore)

Der Tod war da – und er roch gut…

Wenn Autoren solche Zeilen schreiben, weiß ich in der Regel, dass mir die Geschichte gefallen wird…. Hier stammt sie gar von einem der größten, eindringlichsten und aus meiner Sicht wichtigsten Autoren Amerikas, der zusätzlich als Urvater des amerikanischen Noir-Thrillers gilt: Jim Thompson!

Ich muss gestehen, ich bin Fan, und aus diesem Grunde wird es mir schwerfallen, hier sachlich und neutral zu schreiben (ähnlich würde es mir auch bei einer Review über einen verschollenen Bukowski-Roman gehen ^^ Alle Leser dieser Rezension seien hiermit vorgewarnt!)

Jim Thompson ist ein Urviech von einem Autor. Geboren als James Myers Thompson im Jahr 1906 in Anadarko, Oklahoma, wuchs er unter schwierigen familiären Bedingungen auf. Er schrieb schon früh kleinere, teils humoristische Texte, pflegte aber auch einen exzessiven Lebensstil, den er sich mit Alkoholschmuggel unter Al Capone finanzierte. Mit 19 Jahren war er Alkoholiker, und erlitt seinen ersten Nervenzusammenbruch.
Später arbeitete er auf Ölfeldern und als Hotelpage, versuchte aber immer intensiver, sich seinen Lebensunterhalt durch seine Schreiberei zu finanzieren. Obwohl er immer wieder mal kleinere Erfolge vorweisen konnte, und zudem auch Drehbücher für diverse Regisseure, unter anderem Stanley Kubrick, schrieb, blieb er zeitlebens ein Geheimtipp. Von seinem Schlaganfall Anfang der 60er Jahre erholte er sich nie richtig, was auch bedingt durch diverse Rückfälle in seine Alkoholsucht war. Im Jahr 1977 starb er verarmt und verbittert an den Folgen von Unterernährung.

Mittlerweile jedoch wird er beinahe kultisch verehrt, seine Bücher teils sehr erfolgreich verfilmt (zum Beispiel Getaway von Sam Peckinpah oder The Killer Inside Me von Michael Winterbottom) und immer wieder neu aufgelegt. Einige seiner Romane jedoch sind in Deutschland bisher nie veröffentlicht worden, wie zum Beispiel der hier vorliegende Savage Night (1953). Dies ändert sich zum Glück dank Heyne Hardcore, die den eben genannten Roman nun als deutsche Erstveröffentlichung unter dem Titel In die finstere Nacht (Taschenbuch, 272 Seiten) veröffentlichen.

Die Geschichte handelt von Charles „Little“ Bigger, einem kleinwüchsigen, vereinsamten und todkranken Auftragskiller, der seinen letzten Auftrag erhält. Er soll unter dem Pseudonym Carl Bigelow einen Informanten im Auftrag einer Mafiagröße aus dem Weg räumen.
Doch der Auftrag entgleitet ihm immer mehr, wird er doch zunehmend von seinen inneren Dämonen und seine psychischen Zerrissenheit getrieben. Auch der Kontakt zur körperlich entstellten Ruth bringt keinerlei Linderung, bringt sie letztendlich ihre eigenen Probleme mit in die obsessive Beziehung, so dass Charles/Carl immer mehr die Kontrolle verliert, und seinem Untergang entgegensteuert.

Jedes Buch von Jim Thompson beinhaltet eine Menge seiner eigenen Persönlichkeit, sei es im Stil oder in einzelnen Fragmenten der Story. Hier aber meint man förmlich, den Autor in jeder Beschreibung, in jedem Bild seines von Paranoia zerfressenen Weltbildes seiner Hauptfigur wiederzufinden. Jede Zeile ist eine Darlegung seiner innersten Gefühle und seiner dunkelsten Geheimnisse, die in einem für ihn typischen, nihilistischen Stil zu Papier gebracht wurde. Auch in seiner Form findet man ihn: war zu Beginn jedes Kapitel in einer „normalen“ Länge, ändert sich dies mit fortlaufender Geschichte. Die Sätze werden knapper, pointierter und peitschender, die Kapitel kürzer, um dann letztendlich nur noch einzelne Sätze oder gar Fragmente zu beinhalten.

Das Vorwort dieser Ausgabe wurde von Ryan David Jahn (Ein Akt der Gewalt, ebenfalls Heyne Hardcore, ebenfalls sehr zu empfehlen) verfasst, der sich sehr treffend über Jim Thompson, sein Leben und seine Geschichten äußert.
Thompson ist ein Mann, der in seinen Storys alle Fassaden einreißt, die man als Schutz aufgebaut hat; was bleibt ist die nackte Seele mit ihren dunklen Geheimnissen. Den eigenen und denen der Anderen. Ein Abgrund, der doch so faszinierend sein kann!

… und er roch gut.

Christian Funke-Smolka