Joachim Seidel - ErdbeerSchorsch (Piper)

Joachim Seidel – ErdbeerSchorsch (Piper)

The Return of HimbeerToni!
Knapp vier Jahre nach den Ereignissen des titelgebenden Debüts von Autor Joachim Seidel setzt nun dessen Fortsetzung namens ErdbeerSchorsch ein. Der Leser trifft erneut auf den Altpunk und Hobbymusiker Anton Hornig, der in seiner Beziehung mit Dauerfreundin Ada die dreijährigen Zwillinge Max und Annika hütet, während sie als vielbeschäftigte Verlagsangestellte arbeiten geht.
Gleich zu Beginn wird der Leser Zeuge einer ernüchternden Abfuhr seitens Ada auf den von Anton lange vorbereiteten Hochzeitsantrag, nur um ihn anschließend direkt an seine Alltagspflichten zu erinnern. Dabei will er doch nur eines: nämlich sein eigentlich zufriedenes Leben in eine offizielle Bahn bringen. Doch die Abfuhr ist eigentlich erst der Beginn der Ereignisse, die einen gestandenen Mann in eine Krise stürzen können. Nach einem Kindergeburtstag und dem Kauf zweier Kinderbetten, inklusive anschließender Demolierung einer Radarfalle mit eben diesen, muss Toni feststellen, dass sein Leben nicht mehr kickt!
Als es beim gemeinsamen Familienurlaub auf Sylt zu einem für ihn eher unschönen Unfall mit anschließender Blutvergiftung kommt, ist es Zeit für eine Veränderung. Da hilft ihm der zufällig auf Sylt wiedergetroffene, langjährig verschollene, ehemalige Bandkollege Papa Punk Georg Wirling, auch genannt ErdbeerSchorsch. Damals aus der gemeinsamen Punkband Remo Smash gemobbter Ex-Gitarrist, der daraufhin für knapp dreißig Jahre spurlos verschwand, und nun für einigen Wirbel in der alten Clique sorgt. Gemeinsam mit den Jungs zieht man los, um die alten Tage heraufzubeschwören, und dadurch sogar Perspektiven für die Zukunft und die wahren Werte zu erkennen.

Subtil und hintersinnig erzählt Autor Joachim Seidel, selber Alt – Punk, Kolumnist, Drehbuchautor und Chefredakteur, die Geschichte seiner Romanfigur Anton Hornig. Die Episoden des Buches sind dabei herrlich realistisch beschrieben, konnte ich mich als Vater zweier Kinder und ähnlicher Vergangenheit in vielen der beschriebenen sowohl musikalisch als auch persönlich Situationen wiedererkennen.

Joachim Seidel

Hier genau liegt der Charme von ErdbeerSchorsch! Man trifft auf eine Gruppe von Menschen aus dem näheren Umfeld des Protagonisten, und auch wenn diese Charaktere auf den ersten Blick überzeichnet wirken, sind sie doch sehr lebensnah beschrieben, denn irgendwie hat jeder Leser solche Freunde im Bekanntenkreis, und somit solche oder ähnliche Situationen selber erlebt. Dadurch entsteht eine emotionale Bindung zu der Geschichte (mir ging es wenigstens so), die man selten bei fiktiven Erzählungen verspürt. Dabei ist es weniger ein Buch zum laut los lachen als mehr einem verständnisvollen schmunzeln.

Positiv ist zudem, dass das Buch nicht auf eine bestimmte Subkultur zugeschnitten ist, auch wenn es mit dieser eng verwurzelt scheint. Es machte mir zwar deutlich mehr Spaß, dieses Buch mit dem Hintergrund zu lesen, viele der genannten Bands selber schon live gesehen zu haben, oder aber eigene persönliche Geschichten und Momente mit deren Liedern zu verbinden, dies ist aber nicht zwingend für die unterhaltsame Lektüre notwendig.

ErdbeerSchorsch ist also nicht nur ein Buch für Altpunkspießer oder Bionade-Biedermeier, sondern liefert einen kurzweiligen, erfrischenden Selbstfindungs-Roadtrip der besonderen Art.

Christian Funke-Smolka