Joe R. Lansdale - Blutiges Echo (Golkonda)

Joe R. Lansdale – Blutiges Echo (Golkonda)

Für den CoCoverllegestudenten Harold Wilkes lauert der Schrecken buchstäblich an jeder Straßenecke: Vor seinem geistigen Auge spielen sich grauenhafte Szenen aus der Vergangenheit ab, wenn er, ohne es zu wollen, dem Schauplatz eines Unglücks oder eines Verbrechens nahe kommt.

Um diesen Visionen zu entfliehen, betäubt Harry sich mit Alkohol. In seiner Stammkneipe lernt er Tad kennen, einen ehemaligen Kampfkunstlehrer, der seine Probleme ebenfalls in Bier ertränkt. Gemeinsam versuchen sie, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Doch dann taucht Harrys Kindheitsschwarm Kayla auf und bittet ihn, mithilfe seiner besonderen Gabe den Mord an ihrem Vater aufzuklären …

Ein unheimlicher Thriller, die bewegende Geschichte einer geplagten Seele und ein weiteres literarisches Meisterstück im facettenreichen Werk von Joe R. Lansdale, der auch hier wieder alle Genregrenzen sprengt.

(Golkonda)

Meinung zum Buch:

Ich habe es schon häufiger erwähnt, werde es aber an dieser Stelle wieder tun… Joe R. Lansdale ist einer der Autoren, dessen Bücher mich nun seit über zwanzig Jahren begleiten. Die Anfänge seines sehr abwechslungsreichen und genreübergreifenden Werkes hatte er hierzulande in Kurzgeschichten-Anthologien, wo man ihn als „Splatterpunk“ vermarktete (diese Bezeichnung mag bei so manchen seiner Novellen passen, wird seinem Gesamtwerk jedoch nicht einmal annähernd gerecht!). So unterschiedlich seine Geschichten auch waren (und sind), eines ist ihnen allen gemein, sie zeigen eine enge Verbundenheit zu seiner Heimat, dem östlichen Texas. Mit jeder seiner Stories setzte er ein weiteres Puzzle-Teilchen in das Gesamtbild, so dass sich mit Blick auf sein bisheriges Schaffen eine mehr als ein Jahrhundert umfassende Sicht auf das Leben in diesem Landstrich zu finden ist. Eine Texas-Chronik im Lansdale – Style!

Hier haben wir ein Buch, welches Uncle Joe im Jahr 2007 unter dem Titel „Lost Echoes“ schrieb. Es unterscheidet sich ein wenig von seinen anderen Romanen, da er sich einen kleinen Ausflug in die Gefilde des Mystery gönnt, erstaunlicherweise aber zudem auch auf seine typische detaillierte Einbeziehung der Örtlichkeiten nahezu komplett verzichtet. Blutiges Echo könnte theoretisch auch in jeder anderen Stadt spielen.

Joe R. Lansdale von Molosovsky

Joe R. Lansdale
von Molosovsky

Wie schon in seinen anderen Werken zeigt er sich aus literarischer Sicht gewohnt effizient. Kein Satz zu viel, eine punktgenaue Beschreibung seiner Figuren und deren Handlungen in dem ihm üblichen süffisant-humorvollen Tonfall. Zudem erschuf er mit seiner Figur Tad ein fiktives Alter Ego, welches bildhaft die Leidenschaft des Autors einbringt: den Kampfsport in all seinen Facetten. Wer ihn mal persönlich kennenlernen durfte, weiß, wie gerne er über die Hintergründe, Philosophien und Stile des fernöstlichen Kampfsportes erzählt und wie tiefgehend und fundiert sein Wissen hier durch seine persönliche Erfahrung ist (er ist Betreiber einer eigenen Kampfsportschule und Großmeister des von ihm entwickelten Shen-Chuan-Stils).

Seine Hauptfigur, Studenten Harold Wilkes, der nach einer Kinderkrankheit die Gabe besitzt, durch bestimmte Geräusche grausame Momente der Vergangenheit zu fühlen, könnte auch in einer Stephen King- Erzählung vorkommen, genaugenommen findet man hier stellenweise sogar eine Lansdal’sche Version von Kings aktuellem Roman „Doctor Sleep“. Doch auch wenn King und Lansdale Brüder im Geiste sein mögen, haftet Lansdale trotz der geheimnisvollen Fähigkeit seines Protagonisten mit beiden Füssen am Boden und präsentiert uns eine Geschichte, die so auch in der Realität angesiedelt sein könnte. Hier treffen wir dann wieder die brutale Seite von Texas, wie der Autor sie schon an anderen Stellen schilderte.

Blutiges Echo (308 Seiten, € 16,90) ist nun die fünfte Veröffentlichung eines Lansdale– Romans des Berliner Verlags Golkonda, die sich erneut durch eine wundervolle und sehr liebevolle Gestaltung des Buchs hervortun. In dem den bisherigen Romanerscheinungen üblichen Layout ziert das Cover der stabilen und hochwertigen Klappenbroschur die in der Geschichte vorkommende Jukebox mit Blutumrandung. Die Seitengestaltung ist auf dem gewohnt hohen Niveau sowohl informativ als auch ästhetisch.

Blutiges Echo ist ein schnörkelloser Genre-Roman, der einen gewohnt geradlinigen Lansdale zeigt, dem dieses Mal jedoch trotz des sehr hohen Unterhaltungswertes etwas den für ihn typischen Biss vermissen lässt. Aber das ist eine Klage auf hohem Niveau, denn ein solider Lansdale ist immer noch deutlich besser als der Großteil der Veröffentlichungen anderer Genre-Autoren, weshalb ich mich riesig über die Golkonda– Ankündigung freue, dass ab dem kommenden Frühjahr die bisher noch nicht übersetzten Hap & Leonard – Romane, angefangen mit „Machos und Macheten“(Captain Outrageous)bei ihnen erscheinen werden…

Christian Funke-Smolka