Joe R. Lansdale - Dunkle Gewässer (Klett-Cotta/ Tropen)

Joe R. Lansdale – Dunkle Gewässer (Klett-Cotta/ Tropen)

»In jenem Sommer hörte Daddy
auf, Fische mit Dynamit zu fangen, stattdessen vergiftete er sie mit grünen Walnüssen.«

May Lynn ist das schönste Mädchen der Gegend. Aus der schlimmsten Familie am ganzen Fluss. Als ihre Leiche aus dem Sabine River gezogen wird, interessiert sich niemand dafür, wer sie ermordet hat – alle sind nur hinter dem Geld her, das ihr Bruder bei einem Banküberfall erbeutet haben soll.
Sue Ellen findet, dass ihre tote Freundin May Lynn etwas Besseres verdient hat. Wenn schon kein Filmstar aus ihr wird, wie sie sich immer erträumte, soll wenigstens ihre Asche in Hollywood verstreut werden. Beim Durchsuchen von May Lynns Habseligkeiten stößt sie mit ihren Freunden Terry und Jinx auf einen Hinweis, der sie zur Beute eines Banküberfalls führt. Zusammen mit Sue Ellens labiler Mutter flüchten die drei Freunde Hals über Kopf mit dem Floß in Richtung Süden. Habgierige Verwandte und der wenig gesetzestreue Constable hängen sich sofort an ihre Fersen. In Panik geraten die Flüchtenden jedoch erst, als sie merken, dass der sagenumwobene Killer Skunk ebenfalls hinter ihnen her ist. Dem wahnsinnigen Fährtenleser ist angeblich noch nie jemand entkommen.

Meinung zum Buch:

20.03._Cover_Lansdale_DunkleGewaesserJoe R. Lansdale ist ein Phänomen! Nun gut, ich gebe zu, dass ich seit knapp 20 Jahren ein großer Fan seiner Geschichten bin, aber wenn ich mir die Entwicklung seines literarischen Schaffens anschaue, ist eine gravierende Wandlung zu bemerken, die seine Vielfältigkeit als Autor unter Beweis stellt. Erste Kontakte mit seinen Geschichten hatte ich über Beiträge in verschiedenen Horror-Anthologien, wo er teils als die Neuentdeckung des „Splatterpunks“ gefeiert wurde. Man muss dazu sagen, dass einige seiner früheren Werke bei guter Lesbarkeit wenig zimperlich in ihren Beschreibungen waren, ein Umstand, der sich teilweise auch in seinem aktuelleren Schaffen darstellt. Dabei spiegelt sich immer seine Verbundenheit zu seiner Heimat wider, denn nahezu alle seine Geschichten spielen in Texas. Hier scheint es, wenn man sein literarisches Werk betrachtet, dass er die Funktion eines Chronisten übernimmt, der seine unterschiedlichen Stories in einem Zeitraum von über hundert Jahren spielen lässt und somit quasi nebenbei einen Überblick über die Entwicklung des Landes gibt.

Sein Stil zeichnet sich durch eine besondere Effizienz aus, die kein Wort zu viel verwendet, dabei immer nahe an seinen Figuren ist und ein hohes Maß an teils sehr schwarzem Humors besitzt. Eine einfache, aber sehr packende und kraftvolle Prosa ist dabei sein Markenzeichen. Zudem baut er in beinahe allen seinen Geschichten Verknüpfungen zu anderen, älteren Stories ein, so dass ein übergeordnetes, alles umfassendes Gesamtbild entsteht, wo einige Protagonisten des aktuellen Buches in irgendeiner Form mit einem anderen Charakter eines früheren Werkes verwandt oder bekannt sind (in dem vorliegenden Dunkle Gewässer zum Beispiel finden sich Anspielungen auf die Geschehnisse aus der Novelle „Sturmwarnung“). Das schafft beim Lansdale-erfahrenen Leser eine Vertrautheit und bietet Möglichkeiten, einen weit verzweigten Geschichts-Stammbaum zu erstellen.

Joe R. Lansdale

Joe R. Lansdale

Auch wenn seine Stories um das ungleiche Ermittlerpärchen Hap Collins & Leonard Pine wohl seine wohl erfolgreichsten sind, zeigt sich immer deutlicher, dass er auch neben den an Pulp-Romane erinnernden Geschichten ein Faible für Geschichten aus der Zeit der Vorfahren hat. So ist eine Vielzahl seiner letzten Veröffentlichungen im Texas um 1920-1940 angesiedelt und beschreibt eine Zeit zwischen ehrlichen Farmern, korrupten Polizisten und dem alltäglich auftretenden Rassismus. Ihm gelingt dabei ein Entwurf eines lebendigen Bildes einer längst vergangenen Zeit, die doch stellenweise erschreckend aktuell wirkt!

So auch in seinem neusten Roman Dunkle Gewässer (Tropen/ Klett-Cotta, 320 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,95€). Joe R. Lansdale erzählte seine Geschichte aus der Perspektive einer Gruppe befreundeter junger Erwachsener, die trotz großer Unterschiede gemeinsam einen Plan schmieden, nämlich die Asche ihrer ermordeten Freundin nach Hollywood zu transportieren, um sie dort zu verstreuen. Dies soll eine letzte Geste ihrer Freundschaft sein, da die ermordete May Lynn immer plante, irgendwann aus Ost-Texas und ihrer sie unterdrückenden Familie auszubrechen und Filmstar zu werden. Was man für diesen Trip jedoch benötigt, ist Geld. Das jedoch besitzt keiner von ihnen. Doch da ergibt sich eine, zwar riskante Chance, die sie sich nicht entgehen lassen können, ihre Reise aber nun zu einem sehr gefährlichen Unterfangen für die Gruppe Jugendlicher macht!
Die Sichtweise der Erzählerin, der 16 Jahre alten Sue Ellen, ist geprägt durch die sie umgebenden Menschen und vermittelt ein hohes Maß an charmantem, teils auch drastischem Realismus. Auf einfache, aber gerade deshalb sehr fesselnde Art und Weise beschreibt sie ihre Welt und die Dinge, die für sie zum Alltag gehören. Ob dies die alkoholabhängige Mutter oder der sie misshandelnde Vater sind, ihre Freunde oder die Menschen, denen sie auf ihrer Odyssee begegnen, alle werden treffend beschrieben und für den Leser authentisch gezeichnet.

Da wirkt die Prosa Lansdales beinahe wie die eines Mark Twain, der jedoch eine große Portion von Stephen Kings „Stand By Me“ beigefügt wurde. Denn so abenteuerlich ihr Weg auch ist, am Ende ist keiner in der Gruppe mehr der, der er zu Anfang war. Genau dies ist es, was einen Roman von Joe R. Lansdale ausmacht: auf den ersten Blick bieten sie eine spannende und sehr gut lesbare, zeitlose Geschichte. Aber schnell merkt der interessierte Leser, dass sich zwischen den Beschreibungen der alltäglichen Momente und dem Aufeinandertreffen teils herrlich skurriler Figuren viel mehr verbirgt. So ist auch Dunkle Gewässer wieder ein spannender und überaus faszinierender Trip in das fesselnde Lansdale-Universum geworden, der so viel mehr ist als ein simpler Thriller!

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Lesung von Joe R. Lansdale, eine Veranstaltung des Amerika Haus e.V. NRW in Bochum im „Situation Kunst KUBUS“ am 19. März 2013

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Am 19. März 2013 hatten wir das Vergnügen, Joe R. Lansdale und seine Tochter Kasey Lansdale in Bochum erleben zu dürfen. Joe R. Lansdale las aus seinem neuen Roman Dunkle Gewässer, seine Tochter Kasey begleitete die Lesung mit ihrem Gesang. Die Moderation der Veranstaltung übernahm Daniel Haas (Redaktuer bei SPIEGEL ONLINE und freier Journalist). Das Publikum erlebte einen gut aufgelegten Autor, der sich neben der Vorstellung seines Buches den Fragen der anwesenden Zuschauer stellte. Vielen Dank auch von unserer Seite Allen, die diesen tollen Abend ermöglicht haben und vor Allem Joe R. Lansdale für das vorab geführte Interview!

wewantmedia im Interview mit Joe R. Lansdale (in seinem Hotel am 19. März 2013)

 „… I’m a lucky son of a bitch…“

(Joe R. Lansdale, 19. März 2013)

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Rolf, Chris, Joe & Kaya

Kasey Lansdale live in Bochum im „Situation Kunst KUBUS“ am 19. März 2013

Verlags-Seite:

http://www.klett-cotta.de/buch/Literarischer_Krimi/Dunkle_Gewaesser/31426

Christian Funke-Smolka