Joe R. Lansdale - Strasse der Toten  (Golkonda)

Joe R. Lansdale – Strasse der Toten (Golkonda)

Lansdale_Strasse_der_Toten_408Reverend Jebidiah Mercer weiß die Bibel ebenso gut zu handhaben wie seine Revolver. Von seinem schlechten Gewissen verfolgt hetzt er durch den Wilden Westen und legt sich mit allem an, was sich ihm in den Weg stellt: indianischen Zombies, hungrigen Ghulen, Gespenstern, Werwölfen und anderen grässlichen Geschöpfen. Und doch ist er stets nur auf der Suche nach innerem Frieden…

Zum ersten Mal auf Deutsch: sämtliche Abenteuer des Jebidiah Mercer, bestehend aus dem Roman Dead in the West und vier längeren Erzählungen, wie sie nur aus der Feder von Joe R. Lansdale fließen konnten. Meisterwerke des »Weird Western« − fesselnd, unheimlich und garantiert nicht bleifrei!

Meinung zum Buch:

Joe R. Lansdale, Champion Joe, ist mittlerweile nicht mehr nur der innovativ-kreative Geheimtipp der texanischen Literaturszene, sondern dank seiner Romane wie dem aktuell erschienen „Dunkle Gewässer“ oder „Ein feiner dunkler Riss“ (ebenfalls bei Golkonda erschienen) auch einer breiteren Leserschaft bekannt.
Seiner eigenen Aussage nach liegt sein Herz jedoch bei dem Verfassen von Novellen und Kurzgeschichten, die einen Großteil seines jahrzehntelangen Schaffens ausmachen. Hier vorliegend haben wir nun eine Sammlung von Geschichten, die sich um den geheimnisvollen und düsteren Reverend Jebediah Mercer drehen, der seiner Bestimmung folgend, das Böse dieser Welt auszumerzen versucht..
Lansdale verbeugt sich hier respektvoll vor seiner Liebe, dem Italo-Western und verknüpft die Geschichte geschickt mit Elementen der unterschiedlichsten Genres, allen voran dem Horrorbereich. So treffen einsame Reiter in kleinen texanischen Westernstädten auf Horden von wildgewordenen Zombies und untoten Indianern, die einem Fluch gehorchend alles niedermetzeln. Das ist Ironie pur, charmant und augenzwinkernd mit einer großen Portion bösen und gewalttätigen Humors und einer Liebe zu seinen Figuren kombiniert, präsentiert in dem ihm üblichen Stil: dem Lansdale-Style!

Straße der Toten (285 Seiten, €16,90) erschien im Jahr 2010 unter dem Originaltitel „Deadman’s Road“ und beinhaltet neben einem Vorwort des Autors die Geschichten „Dead in the West“, „Straße der Toten“, „Das Gentleman’s Hotel“, „Der schleichende Himmel“ und „Tief unter der Erde“. Die erste Geschichte ist gleichzeitig die längste mit über 130 Seiten und erschien in den Jahren 1984-1987 als Fortsetzungsgeschichte in den damaligen „Eldritch Tales“. Danach war es lange Jahre ruhig um den mysteriösen Protagonisten Reverend Jebediah Mercer, bis der Autor diesen für sich erneut entdeckte und in den Jahren 2007-2009 drei weitere Kurzgeschichten ersann. Als im Jahr 2010 die Planung einer Sammlung dieser Geschichten aufkam, schrieb er kurzerhand die abschließende Kurzgeschichte „Tief unter der Erde“, welche auch hier die vorliegende Veröffentlichung abschließt.

Für den interessierten Leser, der sich neben dem unterhaltsamen Erleben der Geschichten auch noch für das Werk des Autors interessiert, ist es amüsant, zu sehen, wie sich die Prosa und der Schreibstil Lansdalesin den Jahren entwickelt

Joe R. Lansdale im Interview mit wewantmedia im März 2013

Joe R. Lansdale im Interview mit wewantmedia im März 2013

hat. Die erste Novelle „Dead in the West“, welche Mitte der 80er entstand, wirkt in ihrem Aufbau und Stil noch arg holprig und stilistisch unsicher, der Sprung zur nächsten Story, welche etwa 20 Jahre später entstand, fällt einem dabei umso gravierender ins Auge. Hier navigiert der Autor sprachlich geschickt durch seinen persönlichen Spaghetti Western, lässt mit seinen plastischen Beschreibungen Bilder im Kopf des Lesers entstehen und treibt mit seinem auf Effizienz ausgerichteten Aufbau temporeich durch seine Erzählung. Hier und auch in den folgenden Geschichten merkt man deutlich die große Erfahrung und das Können des Autors, welches er in den vergangenen Jahrzehnten erworben hat.

Die Veröffentlichung aus dem Golkonda-Verlag ist wieder ein Beleg, wie schön man ein Buch gestalten kann! Das Klappcover ist im dunkelbraunen Western-Stil aufgebaut und wird von einem bewaffneten Skelett-Cowboy auf seinem dämonischen Pferd dominiert. Dies findet sich dann auch auf den einzelnen Seiten des Buchs wieder, welche von Totenköpfen verziert werden. Ähnlich den überzeichneten Geschichten wirkt das gesamte Buch cartoonesk überhöht und stellt entsprechend die Grundstimmung des Buchs pointiert dar!

Wer nach den aktuellen eher düster-poetischen Büchern Lansdales mal eine andere Seite des Autors kennenlernen möchte, der sollte sich unbedingt Straße der Toten zulegen. Joe R. Lansdale beweist, dass er sich ungern in irgendeine Schublade pressen lässt, sondern Bücher schreibt, die er selber gerne lesen würde. So ist Straße der Toten eine zwar von der Thematik dunkle und brutale Beschreibung, die jedoch immer wieder den verschmitzten Humor des Autors aufzeigt, der hier weniger mit Metaebenen und versteckt platzierten Anspielungen arbeitet, sondern eher gradlinig und direkt auf die Kernpunkte seiner Geschichte kommt.
Wer mal wieder Lust auf brachiale, gewalt- und bleihaltige Westerngeschichten hat, die sich durch ihre Horroreinflüsse völlig vom typischen Cowboy-Einerlei abheben, der kommt an dieser Kurzgeschichtensammlung nicht vorbei!

Christian Funke-Smolka