John Connolly - Die Bruderschaft der Nacht  (List)

John Connolly – Die Bruderschaft der Nacht (List)

Als der in Dublin lebende Autor John Connolly Ende des letzten Jahrtausends in seinem Debütroman Das dunkle Herz den abgehalfterten Ex-Cop Charlie Parker auf seinen Feldzug gegen das Böse schickte, wurde der Roman zu Recht frenetisch gefeiert. Die geschickte Vermischung von Thriller- und Horrorelemente, die Krimihandlung mit Elementen des Übersinnlichen boten einen reizvollen und äußerst spannenden Rahmen für eine umfassende und tiefgehende Reihe um den Ermittler, der eher ein Kämpfer auf einer eigenen unheilvollen Mission zu sein scheint. Unterstützt wird er dabei von den beiden herrlich beschriebenen Angel und Louis.

Da sein Debüt ein großer Erfolg war, lag es nahe, die Story auszubauen und den inhaltlichen Rahmen zu vergrößern, so dass mittlerweile mit dem vorliegenden Die Bruderschaft der Nacht (List, 432 Seiten, gebundene Ausgabe) der neunte Roman der Charlie Parker-Reihe erscheint.

Die Handlung beginnt dieses Mal in Bagdad, wo während des zweiten Irakkrieges Diebe das Nationalmuseum plünderten. Unter den Kunsträubern jedoch war auch eine Gruppe US-amerikanischer Soldaten, die ihre Beute außer Landes schafften. Doch die Gruppe der beteiligten Soldaten wird durch mysteriöse Todesfälle immer geringer. Posttraumatische Störungen und Suizide gelten als Grund. Der Vater des toten Soldaten Damien Pratchett glaubt jedoch nicht an die Selbstmordtheorie und schaltet Charlie „Bird“ Parker ein.
Bei seinen Recherchen stößt dieser auf eine unheimliche Schatulle, welche drei uralte Dämonen beherbergen soll. Dieses von Dschinn besetzte Kästchen befand sich anscheinend unter dem ausgeflogenen Diebesgut und ist nun verantwortlich für den Wahnsinn und das Böse, welches sich unter denen breitmacht, die in Kontakt mit der Schatulle kamen und kommen.

John Connolly

Als Leser könnte man meinen, in der unheimlichen und düsteren Welt des Charlie Parker ist alles beim alten. Aber weit gefehlt! Irgendwie scheint es, als habe Connollyhier eine andere Intention verfolgt. Auch wenn unser Protagonist wie immer im Kampf auf Leben und Tod mit den Bösewichtern der hiesigen und jenseitigen Welt steht, er ein Getriebener zwischen den Fronten zu sein scheint, geht es hier primär jedoch um die vom Autor kritisch betrachteten Mechanismen der modernen Kriegsführung und der Umgang mit den Soldaten, die überlebten und denen, die im Kampfeinsatz ums Leben kamen.

Hier wiederum erscheint Connolly ein wenig unsicher, wie er in der weiteren Handlung zu verfahren habe, denn auf der einen Seite versucht er, die Handlung um die im eigenen Land einen Privatkrieg führende Elitegruppe plausibel auszubauen, auf der anderen Seite pflegt er jedoch auch die aus der Reihe bekannten Elemente des Übersinnlichen mit ihren obligatorischen Bösewichtern, die es letztendlich zu bekämpfen gilt. Dadurch drängt sich das Geschehen im Buch, wirkt irgendwie ohne eine klar erkennbare Grundstruktur. Trotzdem gelingt dem Autor eine durchgehend unheimliche Atmosphäre und ein konstant hoher Spannungsbogen, schließt doch eine gruselige Episode an die nächste an. Doch dem immer wieder angedeuteten finalen Höhepunkt, der sich wie eine übergeordnete, „große Geschichte“ über die Romane um Parker spannt, kommt auch Die Bruderschaft der Nacht kaum einen Schritt näher.

Die Bruderschaft der Nacht reiht sich nahtlos in die qualitativ hochwertige Serie ein, sticht aber durch die an vielen Stellen spürbare schriftstellerische Routine nicht besonders hervor. Stattdessen erzählt der Autor seine Geschichte solide und gewohnt spannend, doch wäre es schön, wenn in seinem nächsten Buch ein wenig mehr Innovation auftreten würde und einen die emotionale Wucht der ersten Bücher noch einmal in den Sessel drücken könnte.

Christian Funke-Smolka