John Kennedy Toole - Die Verschwörung der Idioten  (Klett-Cotta)

John Kennedy Toole – Die Verschwörung der Idioten (Klett-Cotta)

Manchmal kann die Entstehungsgeschichte eines Romans genau so faszinierend und spannend sein, wie die Geschichte selbst. Bei der von Klett-Cotta neu übersetzten Veröffentlichung des Romans Die Verschwörung der Idioten (462 Seiten, Klett-Cotta, gebundene Ausgabe) von John Kennedy Toole ist dies definitiv der Fall.

Autor John Kennedy Toole wurde 1937 in New Orleans geboren, zog aber für sein Studium nach New York, wo er nach seinem Abschluss Englisch unterrichtete. Als man ihn 1961 zum Militärdienst einzog, wurde er nach Puerto Rico versetzt, wo er den spanischsprachigen Soldaten Englisch beibringen sollte. Hier jedoch, fern von seiner dominant herrischen Mutter, hatte er die nötige Ruhe, sich seinen schriftstellerischen Ambitionen zu widmen, und begann mit seinem Buch, dem hier vorliegenden Roman Die Verschwörung der Idioten.
Bei seiner Rückkehr sandte er sein Manuskript, welches Toole als ein Meisterwerk betrachtete, an den Großverlag Simon & Schuster. Diese erkannten das Potential, welches in der satirischen, absurd überzogenen Geschichte und seinen skurrilen Charakteren steckte, aber Cheflektor Robert Gottlieb sah diverse Punkte, die aus seiner Sicht noch optimiert werden mussten. Diese Anmerkungen sandte er dem Schriftsteller zu, der diese, sehr gefrustet von dem aus seiner Sicht großen Rückschlag, versuchte umzusetzen.
Jedoch auch diese Version fand nicht den Anklang, und man bat ihn um weitere Änderungen, zum Beispiel einer intensiveren Ausarbeitung der einzelnen Figuren und ihren Beziehungen zueinander.
Toole jedoch, psychisch labil auf Grund diverser persönlicher Probleme, wurde depressiv und flüchtete sich in Alkoholmissbrauch. Diesem Teufelskreis konnte er aus eigener Kraft nicht entfliehen, so dass er im März 1969 Selbstmord beging.
Seine Mutter fand das Manuskript in seinem Nachlass, und setzte nun im Andenken an ihren Sohn, alles daran, dieses zu veröffentlichen, welches ihr dann letztendlich 1980 mit Hilfe eines Universitäts-Kleinverlages und ihrer störrischen Beharrlichkeit gelang, und das Buch dann, von den Kritikern gelobt, den Pulitzer – Preis gewann.

Die Verschwörung der Idioten ist ein herrlich absurdes Sammelsurium sonderbarer Charaktere, eine pointierte und sehr überspitzte Darstellung des Lebens in den 60ern mit all seinen Trends, politischen Statements und persönlichen so wie gesellschaftlichen Wandeln. All dies wird durch die Augen eines verfressenen, faulen Intellektuellen namens Ignatius J. Reilly erlebt, und mit einem ausgesprochenen Hang zum bissigen Zynismus beschrieben. Ignatius, bekleidet unter anderem mit einer kleinen grünen Jagdmütze mit Ohrenklappen auf einem viel zu runden, übergroßen Kopf mit wuschigem Schnauzbart, lebt zuhause in einem kleinen und muffigen Zimmer bei seiner verwitweten Mutter, welche herrisch über das Haus wacht. Hier schreibt er an einem umfangreichen Pamphlet, nur unterbrochen durch diverse kleinere Jobs, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Bei diesen Ausflügen in die Welt trifft er in immer groteskeren Situationen auf neue Gestalten der verschiedenen Kulturen und sozialen Schichten, welche immer zynischer und kompromissloser von ihm betrachtet, beschimpft und verachtet werden.
Rückblickend, mit der Kenntnis der groben biografischen Züge John Kennedy Tooles wird eine Verschmelzung von seiner Realität und der beschriebenen Fiktion deutlich, fließen anscheinend immer mehr Charakterzüge des Autors in die seiner Figur Ignatius J. Reilly.

Die Verschwörung der Idioten wurde für die Neuauflage von Alex Capus (Jahrgang 1961, Autor von Diese verfluchte Schwerkraft oder Léon und Louise) komplett neu übersetzt und mit einem informativen und sehr interessanten Nachwort von ihm ausgestattet. Die Buchgestaltung der gebundenen Ausgabe aus dem Klett-Cotta Verlag ist dem skurrilen Tonfall des Buches angemessen, und zeigt auf seinem Umschlagbild den Protagonisten, der einem Deix-Gemälde entsprungen zu sein scheint!

John Kennedy Toole

Stilistisch kann man sich als Leser an einer bissigen Satire erfreuen, die absurde Situationen und merkwürdige Personen en masse aneinanderreiht. Hier wird jedoch auch deutlich, dass sich inhaltliche Brillanz und formale Unerfahrenheit paaren, und Cheflektor Robert Gottlieb an vielen Stellen Recht hatte. Einiges hätte gekürzt oder besser ausgearbeitet werden können, um somit noch mehr Biss und Struktur zu erhalten. So wirken ein paar Passagen nur angerissen, zu wenig ausgearbeitet, andere wie eine Karikatur; was jedoch auffällt, ist die Menge an herrlichen Ideen in Kombination mit der zynischen Wut auf jedermann. Hier wird keine Gruppierung verschont, denn wo Ignatius ist, ist oben, und nur so kann man besser auf die Anderen herunterschauen.

Trotz des teils brachialen Humors ist Die Verschwörung der Idioten aber auch ein tiefergehender Spiegel einer Gesellschaft im Umbruch, deren Wertevorstellung durch gesellschaftliche und politische Umwälzungen neu sortiert wurde. Auch wenn einige Passagen des Buches nostalgisch stimmen, ist anderes so aktuell wie eh und je. Aus diesem Grunde ist es wunderbar, dass dieser Roman nach Jahren in einer gelungen Neuübersetzung von Klett-Cotta wieder aufgelegt wird, gilt es ihn doch nun neu für sich zu entdecken!

Christian Funke-Smolka