John Niven - Music From Big Pink  (Heyne Hardcore)

John Niven – Music From Big Pink (Heyne Hardcore)

 

Manchmal können kleine Entscheidungen eine große Karriere einleiten.

Der junge John Niven, passionierter Gitarrenspieler und Mitglied der Indieband The Wishing Stones, arbeitet nach seinem Studium der englischen Literatur als A&R-Manager bei einer Plattenfirma. Er ist unzufrieden mit seinem Job (ist man wohl, wenn einem gerade Verträge mit Coldplay und Muse durch die Lappen gegangen sind), so dass er beschließt, einen Beitrag für die Musik-Literatur-Reihe „33 1/3“ zu schreiben. Hier verfassen unterschiedliche Autoren Texte zu einflussreichen Meisterwerken der Musikszene. In der Regel setzte man sich in diesen Texten mit dem Werk und seinem Künstler auseinander und lieferte eine leicht persönlich eingefärbte Analyse der beschriebenen Platte ab.

Nicht so John Niven! Sein Text zum Debütalbum Music From Big Pink von The Band, den er 2005 verfasste, nahm schnell den Umfang einer Novelle an (hier vorliegend nun als deutsche Erstveröffentlichung bei Heyne Hardcore, 224 Seiten, 9,99€), und anders, als die vorherigen Texte der anderen Autoren, schuf er eine eigenständige, fiktive Geschichte, die er in die realen Geschehnisse einfügte.

John Nivens Sicht auf Music From Big Pink beginnt im Jahr 1986 (18 Jahre nach Veröffentlichung des Albums), wo unser Protagonist und gleichzeitig Erzähler der Geschichte von dem Tod durch Suizid des ehemaligen The Band –Sängers Richard Manuel erfährt. Rückblickend erinnert er sich an die damalige Zeit und die Umstände, unter denen die Musik dieser Platte eingespielt wurde.
Der Name des Albums leitet sich von dem rosafarbenen Haus in Saugerties, New York her, in dem die Band, damals noch unter dem Namen The Hawks mit Bob Dylan lebte (und dieser das epochale Meisterwerk The Basement Tapes aufnahm). Unser (fiktiver) Protagonist ist der 23 Jahre alte Greg Keltner, der Musik liebt, und seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Drogen verdient. Als er zu seinem Freund Alex nach Woodstock zieht, lernt er die Band und Bob Dylan, so wie ihren wegen seines aggressiven und harten Führungsstils berüchtigten Manager Albert Grossman kennen. Von nun an ist er ihr Drogenlieferant, und somit hautnah bei der Entstehung des wegweisenden Albums Music From Big Pinkdabei.

John Niven

Es ist erstaunlich, dass schon in Nivens Debüt unverkennbar sein Stil die Geschichte prägt. Lässig, mit einem ausgeprägten Hang zur Schnodderigkeit, fügen sich die Sätze zu einem Text, welcher den Leser in seinen Bann zieht, und schnell vergessen lässt, dass es sich hier um eine mehr oder weniger fiktionale Geschichte handelt. Der Kniff, so nah wie möglich an der Realität entlang zu streichen lässt schnell die Grenzen zwischen Wahrheit und Dichtung verschwimmen, so dass selbst Mitglieder der Band, die den Text lasen, nicht sagen konnten, was sich davon wirklich zugetragen hatte, und was von John Niven hinzugedichtet wurde.
Robbie Robertson (Gesang und Gitarre bei The Band) war lange Zeit der Überzeugung, dass der Autor der Novelle die Umstände der Entstehung der Platte selbst miterlebt hat, Niven (Jahrgang 1968) wurde in dem Jahr jedoch erst geboren.

Man merkt dem Autor seine Liebe zur Musik deutlich an. Nicht so bissig wie in seinem Nachfolgeroman Kill Your Friends, aber faszinierend leichtfüßig und sprachlich fesselnd entführt er den Leser in die goldene Ära der Musikgeschichte. Ein kurzweiliger, spannender und schwer unterhaltsamer Trip in die späten 60er!

Christian Funke-Smolka