John Niven - Straight White Male (Heyne)

John Niven – Straight White Male (Heyne)

Scharfzüngig und wunderbar komisch

Kennedy Marr ist ein Autor der alten Schule. Irisch, zynisch bis zum Anschlag, ein Borderline-Alkoholiker und Sex-Süchtiger. Sein Mantra lautet: hart trinken, gut essen und jede Frau flachlegen, die bei drei nicht auf den Bäumen ist. MStraight White Male von John Nivenittlerweile als Drehbuchautor in L. A. ansässig, flucht er sich durch die kalifornische Literatur- und Filmszene. Doch sein verschwenderischer Lebensstil bringt ihn an den Rand des Bankrotts, bis sich unverhofft eine Lösung anbietet. In England wird er für einen hoch dotierten Literaturpreis vorgeschlagen. Um an das Geld zu kommen, gilt es allerdings, mehrere konfliktbeladene Auflagen zu erfüllen.

John Niven arbeitete mehrere Jahre als A&R-Manager einer Plattenfirma, bevor er sich dem Schreiben widmete. Nach seinem ersten Buch, der halbfiktionalen Novelle Music from Big Pink, gelang ihm mit Kill Your Friends ein Welterfolg, dessen Verfilmung in Vorbereitung ist. Mit den Romanen Coma, Gott bewahre und Das Gebot der Rache konnte er diesen Erfolg wiederholen. Neben Romanen schreibt John Niven Drehbücher. Er lebt in der Gegend von London.

Meinung zum Film:

Kennedy Marr ist ein ehemalig erfolgreicher Romanautor, der einst das Leben in vollen Zügen genießend, diesen Zustand nun als Normalzustand erachtend in einer Welt voller Zynismus, Völlerei, übermäßigem Alkoholkonsum und Sex lebt. Vulgär und großkotzig zehrt er von seinem Ruhm in der Literaturszene. Doch sein Geld verdient er mittlerweile, unter einer Schreibblockade leidend, mit der Überarbeitung mittelmäßiger Drehbücher. Kritisch wird es, als das Finanzamt eine millionenschwere Steuerrückzahlung von ihm fordert. Die Lösung könnte die Nominierung für einen hochdotierten britischen Literaturpreis sein, einzige Bedingung: er muss ein Jahr lang an der dortigen Universität kreatives Schreiben unterrichten. Bei all seiner Ablehnung als ehemaliger Teil einer irischen Arbeiterfamilie dem dortigen Klientel gegenüber muss er erkennen, dass es ihm nur so gelingen wird, seine Probleme in den Griff zubekommen und sich selbst besser kennenlernen zu können…

John Niven © Erik Weiss

John Niven
© Erik Weiss

Ich weiß auch nicht! Bei all seinen Romane habe ich das Gefühl, dass Autor John Niven zu einem großen Teil über sich schreibt. Ob es in Kill Your Friends das Leben eines A&R-Manager einer Plattenfirma war, oder hier der Roman- und Drehbuchautor, immer zeichnet sich vor meinem geistigen Auge das Portrait Nivens ab. In seiner gewohnt schnodderigen, immer pointierten und zielsicher treffenden Art schreibt und beschreibt er den seelischen und körperlichen Zustand eines Mannes in den Mittvierzigern. Es ist dabei ein sowohl vulgäres, teils bitterböses, oft sehr witziges aber immer ehrliches und authentisches Buch über einen Menschen, der viele, nicht immer schöne Dinge erlebt und die damit einhergehenden Gefühle zurückgedrängt hat. Auf einem hohen Niveau beschreibt der Autor nun den Weg seiner Figur, sich mit der eigenen Vergangenheit konstruktiv auseinanderzusetzen. Seinem hohen Talent geschuldet ist es, dass wir hier jedoch kein dämliches Selbstfindungsbuch haben, sondern einen sowohl fesselnden, als auch unterhaltenden und erhellenden Roman lesen, der einen mitfühlen lässt.

Straight White Male, der neue Roman von John Niven erscheint bei Heyne Hardcore (384 Seiten, €16,99) als großformatiges Paperback mit einem markant auffälligem Cover-Artwork.

John Niven, der diesen Roman seinem 2010 verstorbenen Bruder Gary Niven widmete, stellt hier erneut sein Talent unter Beweis, zwischen seinen zynischen, teils bitterbösen Formulierungen und Handlungssträngen eine lakonische, nachdenkliche Grundstimmung zu erzeugen, die ihn in meinen Augen zu dem tiefsinnig – traurigen, oftmals zynischen Clown der Literaturszene macht (wobei ich mit der Bezeichnung „Clown“ im positiven Sinne den klassischen Clown meine). Für mich ist und bleibt John Niven einer der interessantesten und spannendsten Autoren der Gegenwart.

Christian Funke-Smolka