Juli Zeh: “Neujahr” (Luchterhand)

Juli Zeh: “Neujahr” (Luchterhand)

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen – etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel“ (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman „Unterleuten“ (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018).

© Luchterhand & Peter von Felbert

Meinung zur Veröffentlichung:

„Er will ein Mann sein, den es zu lieben lohnt.“

Die mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Juli Zeh ist eine scharfsichtige, klardenkende, gesellschaftlich-politisch engagierte Schriftstellerin, die aktuell wie kaum eine andere Autorin der (deutschen) Gesellschaft einen pointierten Spiegel vorhält, ohne moralisch zu entlarven, sondern die Aufmerksamkeit einzufordern. Dabei gelingt es ihr in ihren Romanen, innerhalb der Geschichte einen Kosmos aufzubauen, wo das Geschehen jederzeit auf einen größeren, gesellschaftlichen Rahmen übertragen werden kann. In ihrem neusten, ausnahmsweise mal recht schmalen Buch erzählt sie die Geschichte von Hennig, Ehemann und Familienvater, der eigentlich alle Voraussetzungen erfüllt, um glücklich zu sein. Doch trotzdem leidet er an Unzufriedenheit und regelmäßig auftretenden Panikattacken. Als er über Silvester mit der Familie einen Urlaub auf Lanzarote, und an Neujahr alleine und schlecht ausgerüstet eine Radtour macht, muss er sich seinen Emotionen und seiner Vergangenheit stellen…

In Neujahr befinden wir uns in dem fein ausgearbeiteten Mikrokosmos „Familie“ mit all seinen Facetten und Schwierigkeiten. Dabei gelingt der Autorin mit ihrer erzählenden Hauptfigur eine stimmige Illustration des modernen Mannes. Ein Mann, der versucht, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, der aufgrund des größeren Erfolgs seiner Frau beruflich etwas zurücktritt, einige Arbeitsbereiche in das Home Office verlagert und dafür mehr Bereiche in der Kinderbetreuung und dem Haushalt abdeckt. Ein Mann, der versucht, in allen Bereichen bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, zwangsläufig an den eigenen Ansprüchen scheitert und sich selbst und die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verliert. Angststörungen, Schlaflosigkeit und Panikattacken sind ein mittlerweile akzeptierter Zustand, dem man sich erst stellt, als man alleine auf dem Rad das nächste zu hoch gesteckte Ziel erreichen möchte.

Ein Zustand, den (mich eingeschlossen) viele Menschen kennen dürften. Hier vielleicht etwas überspitzt, nichtsdestotrotz jedoch treffend beschrieben, zeigt die Autorin einem auf, wie sich verschiedene Momente und Situationen, eigene Erwartungen und Fremdbestimmung zu einem allgemeinen Zustand des Unwohlseins und der inneren Leere führt. Da wirkt es fast schon erleichternd, dass hier plötzlich die Geschichte einen Zeitsprung macht und den Leser in die Kindheit und eine längst verdrängte Episode Hennigs versetzt. So intensiv und beklemmend dieser zweite Abschnitt in seinem Spiel mit den persönlichen Erinnerungen ist, so fesselnd, teils erschreckend empfand ich den ersten Teil, in welchem ich mich als (männlicher) Leser an vielen Stellen nicht nur in die Figur hineinversetzen, sondern mich an einigen Stellen selbst erkennen konnte. Genau hier liegt die Stärke dieses Buches, welches in seiner Erzählung einen solch intensiven Sog auslöst, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ein außergewöhnlicher, erhellender „Familienroman“, der die Spannung eines Psychothrillers zu erzeugen vermag und gleichzeitig gute Literatur ist. Chapeau!

Neujahr erscheint als gebundene Originalausgabe mit Lesezeichenband bei Luchterhand (192 Seiten, €20,00).

Auch in ihrem neuen Roman, eher schon einer Novelle, gelingt es der Autorin, mit scharfem Blick das Wirken frühkindlicher Erfahrungen zu beschreiben, die noch in der Gegenwart ihre nicht immer sofort erkennbaren Tentakel ausbreiten und einen eigentlich rundum erfolgreichen Menschen fest in ihren Klauen halten. Atmosphärisch sehr dicht und spannend erzählt, gelingt ihr hier eine nachdenklich stimmende Geschichte, bei der man jederzeit Ansätze bei sich selbst zu entdecken vermeint. Für mich definitiv eines der besten Bücher dieses Jahres und entsprechend eine eindeutige Leseempfehlung!

Christian Funke