Jussi Adler-Olsen - Verachtung (dtv)

Jussi Adler-Olsen – Verachtung (dtv)

Jussi Adler – Olsen gehört derzeit zu den wohl populärsten Autoren anspruchsvoller Thriller-Literatur. Seine Romane um Carl Mørk und seine kleine Truppe vom Sonderdezernat Q sind furios inszeniert und spannen einen, die eigentliche Geschichte überragenden Handlungsbogen, in welchem sich die einzelnen Charaktere, wie der erwähnte Carl Mørk oder die Teammitglieder Rose und Assad weiterentwickeln und dem Leser durch neue Informationen immer vertrauter werden.

Hier vorliegend haben wir den vierten Fall des Teams, wobei sich der Autor nicht nur einer fiktiven Story bedient, sondern diese mit realen Vorkommnissen aus einem der wohl dunkelsten Kapitel Dänemarks vermengt.

Bei Recherchen in alten Akten stößt das Team auf den ungelösten Fall der im Jahr 1987 als vermisst gemeldeten Prostituierten Rita Nielsen. Man schloss den Fall, da man seinerzeit von einem Selbstmord ausging, jedoch findet das Sonderdezernat Q einige Unstimmigkeiten, aber noch auffälliger, fünf ähnliche Fälle aus demselben Monat!
Die Spuren führen zu der Insel Sprogø, welche bis in die frühen 60er Jahre ein Heim für debile und vermeintlich unmoralische oder sozial schwierige junge Frauen beherbergte. Diese Frauen wurden dort unter unmenschlichsten Bedingungen festgehalten und zwangssterilisiert.
Parallel zu den Recherchen im Fall von Rita Nielsen erleben wir einen weiteren Handlungsstrang, der sich mit dem Leben von Nete Hermansen befasst. Ende der 30er Jahre geboren, wuchs sie nach dem Tod der Mutter alleine mit dem Vater auf deren Bauernhof auf. Da der Vater mit der Situation überfordert war, geriet das Mädchen (unverschuldet) auf die „schiefe Bahn“ und gelangte über mehrere Pflegefamilien schließlich in dem Frauenheim auf der eben erwähnten Insel Sprogø. Bei den Ermittlungen stößt das Team auf den Frauenarzt Curt Wad, der nicht nur der faschistischen Ideologie anhängt, sondern mit einer Gruppe Gleichgesinnter in ihrem Zirkel „Geheimer Kampf“ den Kampf gegen „unwertes“ Leben ausfechten.

Geschickt gelingt es dem Autor, alle Handlungsstränge zu verknüpfen, dabei die Spannung konsequent aufzubauen, jedoch auch immer wieder die äußerst intensive Geschichte mit Humor und lockeren Sprüchen zu entschärfen.

Die gebundene Ausgabe von Verachtung ist bei dtv erschienen. Das Covermotiv des vierten Falls für den Ermittler Carl Mørk und seine Truppe vom Sonderdezernat Q ist stilistisch angelehnt an die Vorgängerromane. Eine blutbefleckte Schere liegt vor einem gelblich-braunen Untergrund, gekonnt wird hier erneut eine düstere und unangenehme Atmosphäre kreiert, ohne etwas über die Geschichte zu verraten. Das Buch hat 544 Seiten und ist mit einem Buchbändchen ausgestattet.

Autor Jussi Adler – Olsen (es handelt sich hier um eine Namensverkürzung. Bürgerlich heißt der Autor Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen), Jahrgang 1950, ist ein vielbeschäftigter Mann. Er studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Film. Bevor er Mitte der 90er Jahre mit dem Schreiben begann, arbeitete er als Redakteur für Magazine und Comics, Koordinator der dänischen Friedensbewegung, Verlagschef eines TV-Magazins und Aufsichtsratsvorsitzender verschiedener Energiekonzerne. Zusätzlich renoviert er als Hobby alte Häuser. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.
Vor seinen Erfolgen mit der Reihe um Carl Mørk hatte er schon zahlreiche Romane veröffentlicht, die wohl auch in Deutschland erscheinen werden (sein Debüt aus dem Jahre 1997, „Das Alphabethaus“ zum Beispiel erschien im Februar 2012 in Deutschland). Seine Bücher um das Sonderdezernat Qmachten ihn so populär, dass sie als auf zehn Teile angelegte europäische Co-Produktion (das ZDF ist auch beteiligt) verfilmt werden sollen.

Jussi Adler-Olsen

Auch der vorliegende Band Verachtung wird aller Voraussicht nach den Erfolg der mehrfach preisgekrönten Vorgänger haben, denn die perfekt inszenierte Mischung aus Tragik und unglaublich dichter Spannung in Verbindung mit dem flapsig-humorvollen Umgangston unter den Ermittlern wird hier geschickt in die Geschichte eingewoben. Auch wenn ich, im Anbetracht des Inhaltes der Geschichte, ab und zu auf einige saloppe Sprüche hätte verzichten können, zeigt sich Verachtung als eine eher tragisch-düstere, teils sehr verstörende Geschichte, die weniger auf einen kontinuierlichen Spannungsbogen als viel mehr auf die dichte Atmosphäre, erzeugt durch die stimmige Beschreibung, setzt.
Verachtung ist solide erzählt, bietet eine intensive Story und die bekannten, wieder detailliert ausgearbeiteten Charaktere, und befindet sich, auch wenn die Vorgänger noch einen Deut besser inszeniert waren, auf einem literarisch sehr hohen Niveau. Hier zu jammern wäre mäkeln auf hohem Niveau, denn auch ein weniger gelungener Jussi Adler – Olsen würde immer noch weit über dem Durchschnitt der meisten Thriller stehen! Fans der Reihe ist es unbedingt zu empfehlen, Neueinsteiger jedoch sollten besser beim ersten Teil anfangen und die Romane chronologisch lesen, denn so entfalten sie einen deutlich höheren Reiz!

Verachtung bietet dem Thrillerfan also genau das, was er von einem guten Buch erwartet. Eine packende, clevere und komplex erzählte Story mit einem sauber akzentuierten Spannungsbogen und interessanten, gut ausgearbeiteten Figuren!

Christian Funke-Smolka