Kishwar Desai: Die Überlebenden - Ein Fall für Simran Singh (btb)

Kishwar Desai: Die Überlebenden – Ein Fall für Simran Singh (btb)

Die Ueberlebende von Kishwar DesaiEin Mädchen ohne Zukunft, eine unerschrockene Ermittlerin.

Eine kleine Stadt im indischen Punjab. Inmitten eines furchtbaren Blutbads wird als einzige Überlebende der niedergemetzelten Familie die 14-jährige Durga gefunden – mehr tot als lebendig. Das traumatisierte Mädchen wird von der örtlichen Polizei für das schreckliche Unglück verantwortlich gemacht. Doch die Sozialarbeiterin Simran Singh, aus Delhi zur Hilfe gerufen, um etwas aus dem verstörten Mädchen herauszubekommen, glaubt nicht an die Schuld des Mädchens. Simran, die in Delhi ein unabhängiges und unkonventionelles Leben führt, stößt auf ein düsteres Netz aus Korruption und Lügen – in einer Welt, der sie längst entronnen zu sein glaubte und in der das Leben eines Mädchens nichts zählt.

Kishwar Desai wuchs in Indien auf. Dort arbeitete sie viele Jahre als TV-Journalistin, unter anderem als Nachrichtenkorrespondentin, Produzentin und CEO eines Fernsehsenders. Als sie vor acht Jahren nach London zog, wandte sie sich verstärkt dem Schreiben zu. Sie widmet sich aktuellen Fragen der indischen Gesellschaft und ist in den indischen Medien stets präsent. „Die Überlebende“ ist ihr Romandebüt, für das sie mit dem renommierten Costa First Novel Award ausgezeichnet wurde. Kishwar Desai lebt mit ihrem zweiten Ehemann, dem Parlamentarier und Ökonomen Meghnad Desai, in London.

Meinung zum Buch:

Ich muss gestehen, dass ich bisher noch keinen in Indien spielenden Kriminalroman gelesen habe. Umso gespannter war ich, was mich bei dem preisgekrönten Debüt der Journalistin Kishwar Desai, im Jahr 2010 unter dem Titel „Witness the night“ geschrieben, erwartet, welches hier als Start der Reihe um die engagierte und äußerst selbstbewusste Sozialarbeiterin Simran Singh beim Verlag btb(Taschenbuch, 288 Seiten, €8,99) veröffentlicht wird. Die Story um die Lebensumstände der Frauen in Indien ist so brisant wie aktuell, ich war vorab somit schon ein wenig sensibilisiert für die Thematik. Was den Leser aber hier erwartet, übersteigt das Maß des Vorstellbaren um Längen.

Kishwar Desai

Kishwar Desai

Kishwar Desai lebte lange Jahre in Indien, wo sie als Journalistin für unterschiedliche Printmedien und TV-Kanäle tätig und später verantwortlich war. Da sie sich schon in ihrer journalistischen Karriere mit politischen und gesellschaftlichen Themen kritisch auseinandergesetzt hat, war es naheliegend, dass sie dies in ihrem ersten Roman in einer fiktiven Geschichte ebenfalls machen wird. Dabei jedoch ist die Geschichte über das junge Mädchen Durga, die als einzige Überlebende eines Massakers nun unter dem Verdacht der Familientötung steht, extrem nahe an der Realität. Der Autorin gelingt mit ihrer Titelfigur, der unabhängig lebenden Sozialarbeiterin Simran Singh ein beeindruckender Gegenentwurf zum in vielen Teilen in Indien immer noch vorherrschenden Bild der Frau. Über vierzig, unverheiratet, trinkend und rauchend, bewegt sie sich resolut und sehr selbstbewusst in einer männerdominierten Welt, die sich, als sie wegen der Recherchen zu dem Familienmassaker in die Provinz Punjab beordert wird, plötzlich in eine Umgebung zurückversetzt fühlt, der sie schon lange entflohen zu sein schien. Nur langsam gelingt es ihr, an die traumatisierte und schwer verstörte Durga heranzukommen und deckt dabei Zustände auf, die ihre schlimmsten Befürchtungen übersteigen.

Kishwar Desai gelingt mit dem vorliegenden Roman Die Überlebenden ein beeindruckendes Debüt. Deutlich merkt man ihr ihre berufliche Vergangenheit an, da es ihr gelingt, sprachlich versiert Informationen in eine Struktur zu verpacken, die sowohl fesselt als auch Hintergründe anschaulich darstellt. Gut recherchiert erfährt man hier als westlicher Leser Details über erschreckende Lebensumstände, die einem das durch die aktuelle Berichterstattung vermittelte Bild zur Lage der Frau in Indien anhand einer Geschichte verdeutlichen und das Ausmaß ungeschönt darstellt. Ein nicht nur spannendes sondern auch sehr wichtiges Buch, welches aufrüttelt und nachdenklich stimmt!

Christian Funke-Smolka