Klaus Honnef: “Gerhard Richter”  (TASCHEN)

Klaus Honnef: “Gerhard Richter” (TASCHEN)

Eine Begegnung mit dem deutschen Künstler Gerhard Richter, der dem Verhältnis von Malerei und Wirklichkeit neue Horizonte eröffnete. Von seinen frühen, fotografischen Gemälden, über den berühmten RAF-Zyklus, bis zu den späten abstrakten Bildern – im Erleben von Richters Werken begegnet man stets dem Unerwarteten und Ungesehenen. Einst angetreten, das Medium vom ideologischen Ballast zu befreien, zeigt er uns heute, angesichts der überwältigenden Präsenz digitaler Images, die unübertroffene Wirkung und Eindringlichkeit gemalter Bilder. Eine kenntnisreiche Einführung über einen der größten Künstler unserer Zeit, die nicht nur seine gesamte Karriere, sondern auch fünfzig Jahre kultureller, ökonomischer und politischer Ereignisse einbezieht.

© TASCHEN

Meinung zur Veröffentlichung:

Realismus vs. Abstraktion

Eine feinsinnige Erkundung von Leben und Werk Gerhard Richters

Am 09. Februar 1932 in Dresden geboren, besetzt der deutscher Maler, Bildhauer und Fotograf Gerhard Richter seit mittlerweile sechszehn Jahren im Ranking des „Kunstkompass“ als wichtigster Künstler die Spitzenposition. Auch wenn die Qualität von Kunst natürlich nicht messbar ist, so ist dies doch ihre Resonanz in der Kunstwelt. Und genau hier weiß sich Richter, dessen Werk vom 03. März – 05. Juli 2020 in The Met Breuer in New York und vom 14. Oktober 2020 – 24. Januar 2021 in der Bank Austria Kunstforum in Wien ausgestellt werden, zu behaupten. Man bezeichnet ihn als den gegenwärtig teuersten lebenden deutschen Künstler, doch was macht sein Werk so besonders?

„… beim Malen ist das Denken Malen.“

Gerhard Richter ist ein Mensch, der sich und sein Werk realistisch, sehr bodenständig zu betrachten scheint, der für sein fortgeschrittenes Alter agil, humorvoll und wissensdurstig die Welt, die er als aus den Fugen geraten empfindet, sehr genau beobachtet. Als Gehilfe Ende der 1940 er Jahre in einem Werbe- und Anzeigebüro im Osten Deutschlands begann er seinen Weg, der ihn später zum Studium an die Hochschule für Bildende Künste nach Dresden führte und hier den Grundstein für seine beeindruckende Karriere legte. Sein Werk ist aus heutiger Perspektive beeindruckend vielseitig. Neben Aquarellen, Zeichnungen und Ölgemälden auf Papier oder Leinwand, sind für mich speziell seine übermalten Fotografien und seine fotografischen Bilder ein markantes und unverwechselbares Erkennungsmerkmal. Speziell hier verarbeitet er persönliche (biografische und zum Teil tragische) Erfahrungen, welche neben den politischen und sozialen Situationen starken Einfluss auf sein Werk hatten. So engagiert er sich auch heute immer noch stark in sozialen Projekten und weiß hier seinen Namen sinnvoll für Bedürftige einzusetzen. Neben zahlreichen Dokumentationen nutzte Filmemacher Florian Henckel von Donnersmarck in seinem Spielfilm Werk ohne Autor die Lebensgeschichte Gerhard Richters, um eine – aus Sicht des Künstlers – missbräuchliche und übel verzerrte Biografie darzustellen. Wer sich einen breitgefächerten Eindruck zum Werk des Künstlers verschaffen möchte, ist mit dem hier besprochenen Bildband, der trotz seines geringen Preises in allen Belangen außergewöhnlich hochwertig ist, perfekt beraten.

Wozu ich mich entscheide, wächst im Kopf und durch den Körper.“

Autor Klaus Honnef, der einen in dem vorliegenden Kunstband versiert und geistreich durch das Werk Richters führt,war Honorarprofessor für Fototheorie an der Kunsthochschule Kassel und Mitorganisator der documenta 5 und der documenta 6. Zudem kuratierte er über fünfhundert Ausstellungen und schrieb zahlreiche Bücher über die Kunst der Gegenwart, Andy Warhol und Pop Art. TASCHEN veröffentlicht mit ihrem Hardcover Richter (21 x 26 cm, 96 Seiten, €10), Band 200 der Sammlung „Kleine Reihe Kunst“, einen kleinen aber feinen, sehr informativen und trotz der Kürze umfassenden Einblick in das Schaffen dieses großen Künstlers, dessen Werk die Kunstwelt nachhaltig beeinflusst hat und dem es gelingt, sich immer wieder neu zu erfinden.

Christian Funke