Kôji Suzuki - Der Graben (Heyne)

Kôji Suzuki – Der Graben (Heyne)

In den USA verschwinden immer wieder Menschen, ohne jede Spur. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Derweil beobachten Astronomen seltsame, beängstigende Himmelsphänomene. In Japan häufen sich ähnliche Vorkommnisse.Der Graben von Koji Suzuki Die junge Saeko soll für eine Fernsehsendung das Verschwinden einer ganzen Familie untersuchen. Schritt für Schritt gerät sie in einen unfassbaren Albtraum, der globale Ausmaße annimmt. Als der San-Andreas-Graben vor San Francisco von einem Beben erschüttert wird, spitzen sich die Ereignisse zu einem Crescendo des Grauens zu…

Kôji Suzuki wurde 1957 in Hamamatsu geboren und studierte an der Keio Universität. Er gewann 1990 mit »Rakuen« den japanischen Fantasy Novel Award, bevor er 1991 mit der Mystery-Saga »Ring«, die sich acht Millionen Mal verkaufte, den Durchbruch schaffte. Suzuki wird heute in einem Atemzug mit Stephen King genannt und gilt als Erneuerer des »Psycho-Horrors«.

Meinung zum Buch:

Mit japanischen Gruselgeschichten ist das immer so eine Sache. Die einen feiern sie wegen ihrer Atmosphäre und ihrem subtilen Aufbau frenetisch ab, die anderen finden sie schnarchlangweilig. Eine der auch hierzulande bekanntesten Vertreter dieses Genres dürfte die Ring-Trilogie sein, die sowohl in ihren originalen Verfilmungen als auch in dem Remake für Gänsehaut sorgte. Ihr Schöpfer ist der 56 Jahre alte, preisgekrönte Schriftsteller Kôji Suzuki, der seit 1990 das Genre mit Beiträgen versorgt und das Genre seinerzeit mit seinen Psycho-Horror-Beiträgen neu belebte. Hier vorliegend haben wir seinen im Jahr 2008 veröffentlichten Roman „Ejji“ (übersetzt von Katrin Marburger). Der Graben (Heyne, 592 Seiten, € 9,99), so der deutsche Buchtitel, handelt von Saeko, deren Vater vor knapp zwanzig Jahren spurlos verschwand. Seitdem interessiert sie sich für Menschen, die plötzlich verschwinden und erkennt ein beunruhigendes Muster. Denn dank eines sehr umfangreichen Fachwissens, ihr Vater hat sie dahingehend bis zu seinem Verschwinden gut ausgebildet, erkennt sie, dass sich parallel zum Verschwinden der Menschen das Sternenbild verändert und die Gesetze der Mathematik auch ihre Gültigkeit zu verlieren scheinen. Sollte sich hiermit das Ende des Universums ankündigen?

Kôji Suzuki Quelle: thailandbookfair.pubat.or.th

Kôji Suzuki
Quelle: thailandbookfair.pubat.or.th

Eines direkt vorweg: wer auf der Suche nach einem Horror-Roman ist, der ist bei diesem Buch an der falschen Adresse. Denn Der Graben ist vieles, jedoch kein action- oder temporeiches Horrorbuch! Vielmehr baut Kôji Suzuki seine Geschichte sehr bedacht und clever auf, kombiniert wissenschaftliche Thesen mit handlungsbezogenen Storyelementen, lässt einige metaphysische und wissenschaftliche Fragen einfließen und fügt eine Prise Esoterik und etwas Science Fiction hinzu. Dies irritiert natürlich, wenn man sich am Klappentext orientiert, der einem „eiskalten Horror“ und „apokalyptische Szenarien“ verspricht. Suzuki baut seinen im Jahr 2011/2012 spielenden Roman klassisch in Prolog, Teil I-VI und Epilog auf (plus einem Anhang, der eine Bibliografie und eine persönliche Danksagung enthält), schreibt in einem gut lesbaren, soliden Stil, der dem Leser langsam immer mehr Einblicke in die Geschehnisse gibt und sich inhaltlich Schicht für Schicht zum Kern vorarbeitet. Jedoch schludert er ein wenig bei seiner Figurenzeichnung und die Einführung neuer Charaktere, die stellenweise ein wenig willkürlich erscheint. Der Autor scheint in diesem Roman viele ihn persönlich interessierende Gedankenmodelle eingebaut zu haben, die sich in ihrer Thematik weit entfernen von dem, wofür sein Name normalerweise steht. Denn von dem Psycho-Horror seiner „Ring“-Geschichten sind wir hier meilenweit entfernt. Man sollte sich vor Beginn des Buches deutlich machen, dass Der Graben KEIN Horror-Roman ist, denn nur so kann es einem gelingen, sich auf den subtil funktionierenden und inhaltlich clever aufgebauten Atmosphäre- und Handlungsaufbau einlassen. Denn, und hier passen dann auch die Vergleiche zu Stephen King, der wahre Horror liegt in den aufgeworfenen Fragen, den Handlungen und ihren daraus resultierenden Konsequenzen!

Christian Funke-Smolka