Laura Gustafsson: Die Hure (heyne hardcore)

Laura Gustafsson: Die Hure (heyne hardcore)

„Viel Geld für wenig Arbeit. So denkt sich das Milla, als sie ihr Studium abbricht und ein Leben als Prostituierte beginnt. Täglich zweihundert Euro sind der Lohn. Auch Millas Nachbarin Kalla entscheidet sich, so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Kalla empfindet den bezahlten Sex jedoch als erniedrigend und heuert stattdessen als Putzfrau an, doch dies erweist sich als noch größere Unterdrückung. Sie dreht durch und rächt sich an all denen, die sie dominiert haben. Die Hure beschreibt die tägliche Gewalt, die Männer gegen Frauen ausüben. Die Autorin verbindet Alltagserfahrungen mit Elementen der griechischen Mythologie und sprengt damit die Grenzen der Literatur auf einzigartige Weise.“
Laura Gustafsson ist eine Autorin, die herausfordert. Ihr Debütroman – eine Mischung aus Literatur, Pornographie und Feminismus – stellt die Spielregeln der Literatur auf den Kopf. Wild und unberechenbar, provokant und dann wieder sehr, sehr ernst. In Die Hure geht es um Prostituierte, die Gewalt und Unterdrückung erleben und beschließen zurückzuschlagen.

»Gustafssons flüssige, dynamische Geschichte strotzt nur so von Wortspielen und intertextuellen Witzen. Sie hat ein ernstes Thema und driftet niemals ins Alberne oder Derbe ab. Die schrecklichsten Dinge in diesem Buch geschehen so auch jeden Tag in der Realität.« Kiiltomato
»Gustafssons Debütroman begeistert durch seine lustige, explosive und unberechenbare Stimme. « Aamun kirja/YLE

Meinung:

146_26861_130380_xxlDer Debütroman „Die Hure“ überrascht, schockiert, fesselt und unterhält auf vollen 320 Seiten: Überragend! Die Autorin schickt den Leser in ihrem Debütroman räumlich auf eine Reise nach Finnland, Thailand, in den Hades und sonst kaum vorstellbare Orte, thematisch durch vielseitige Facetten der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts.
Die Heldinnen des Romans bleiben Heldinnen. Sie fallen immer wieder, sie fallen tief, sie fallen sogar bis in den Tod, aber sie stehen immer wieder auf.
Die weltlichen Heldinnen sind hier die Finninnen Milla und Kalla, Nachbarinnen, welche über das Arbeitsamt zufällig beim selben Arbeitgeber landen, der hohen Lohn bei wenig Arbeitseinsatz zahlt. Da Prostitution für begehrenswerte Frauen ein sehr lohnendes Geschäft ist, machen sie mit Hilfe der Göttin Aphrodite selbstständig. Das Geschäft boomt, und das passt gerade der treuen Kundschaft nicht. Der moralische Zeigefinger wird erhoben und die Prostitution illegalisiert.
Kalla, eine wunderschöne Frau, die nach der Rache an ihrem Vergewaltiger mit diesem unfreiwillig die glückliche Ehe schließt, findet sich nach ihrer Jobsuche als Unqualifizierte, also als Frau, in einer Position als Reinigungskraft, Scheiße- von- den Wänden- Wischerin, als geschundene, heilige Miracle und zuletzt als kampfwillige Soldatin wieder.
Milla geht ihrem Job weiter nach. Sie muss sich mit dem geminderten beruflichen Status den Preisverhandlungen ihrer Freier beugen und bekommt zum Dank noch unwissentlich eine Eizelle befruchtet. Ihr Sohn Morpheus ist durch seine Sprache gehandicapt, denn in Finnland spricht kaum jemand Altgriechisch. Glücklicherweise spricht seine Patentante Aphrodite seine Sprache. Diese hat in dem Roman eine zentrale Rolle: die Göttin der Liebe, der Schönheit, der sinnlichen Begierde, der Fruchtbarkeit pflegte, wie uns die griechische Mythologie bereits lehrte, lange eine konfliktbehaftete Beziehung mit dem Kriegsgott Ares. Sie verliert ihren Geliebten Adonis an die in der Unterwelt thronende Persephone. Die Mythologie erzählte uns im Gegensatz zu Laura Gustafssonjedoch nie von Aphrodites Reise nach Helsinki, auch nicht von der nach Thailand. Sie wird als Schönheit zum Star, sie stürzt ab, sie wird depressiv, sie wird mit generell schlechtem Benehmen straffällig, sie reist in den Hades und verlässt dieses unsterblich. Die Göttin der Liebe muss für die Liebe gegen Männer kämpfen und töten. Mit Einvernehmen: der Roman ist wirr und für den Leser durchgehend unvorhersehbar. Er ist provokant und spricht sehr ernste und aktuelle Themen an, besonders berührend zum Beispiel die zur Prostitution gezwungenen Mädchen in Bangkok. Auch geht es um Liebe, um Sex, um Vergewaltigung, um Rechtfertigung und Verharmlosung von Verbrechen in Bezug auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen, um das Christentum, um Schönheit und seine Ideale, um Verstümmelung, um Tierquälerei, um Missgunst, um Rache, um Schuld und Mitleid, um Krieg … und … und…

Laura Gustafsson

Laura Gustafsson

Die Art wie die Autorin Figuren der griechischen Mythologie in ihrer zeitgenössischen Geschichte einbezieht ist einfach raffiniert und genial. Das beinhaltete Rezept für Mokkakuchen muss auch getestet werden, am besten während man die Songtexte singt, welche die Kapitel eröffnen. Hier und da spitzt schon einmal etwas Blut oder wird ein Organ entwendet, aber es ist ja alles reparierbar. Insgesamt ein regelloser, auf seine eigene Weise gewitzter und zugleich zum Nachdenken anregender Roman. Mehr davon!

Autorin:

Laura Gustafsson, geboren 1983, ist Autorin und Drehbuchschreiberin und studiert Dramaturgie an der Theaterakademie in Helsinki. Daneben hat sie einen Abschluss in Literaturwissenschaft. Außer ihrem Debütroman Die Hure hat sie ein Hörspiel, zwei Theaterstücke und mehrere Kurzgeschichten verfasst.

nhu & Christian Funke-Smolka