Matias Faldbakken: „Wir sind fünf“ (Heyne Hardcore)

Matias Faldbakken: „Wir sind fünf“ (Heyne Hardcore)

In der Nähe von Oslo in einem kleinen Ort namens Råset führt Tormod Blystad mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ein beschauliches Leben. Nach einer wilden Jugend ist aus Tormod ein verlässlicher Vater und Ehemann geworden. Aber in jeder Familie gibt es eine Lücke, die gefüllt werden muss. So kommt die kleine Hündin Snusken auf den Hof. Die Kinder lieben das Tier sehr, doch eines Tages verschwindet Snusken spurlos. Um seine Kinder zu trösten, mischt Tormod in seiner Werkstatt aus verschiedenen Zutaten ein Ersatzwesen aus Lehm – und fordert damit Kräfte heraus, deren Reichweite er nicht einmal erahnen kann.

Matias Faldbakken, 1973 geboren, lebt als bildender Künstler in Oslo. 2003 erschien sein aufsehenerregender Debütroman »The Cocka Hola Company«, der Auftakt der Skandinavische-Misanthropen-Trilogie, die mit »Macht und Rebel« und »Unfun« komplettiert wurde. Bühnenfassungen aller drei Romane wurden an diversen deutschen Theatern aufgeführt. Faldbakken gilt zudem als einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler Skandinaviens. Seine Werke werden weltweit in den führenden Galerien ausgestellt. Nach längerer Schreibpause erschien 2017 bei Heyne sein Roman »The Hills«, der von Publikum und Presse gefeiert wurde.

© Heyne Hardcore / Random House / Erik Weiss

Meinung zur Veröffentlichung:

Tormod Blystad ist ein kluger und handwerklich begabter junger Mann, der in einem kleinen und beschaulichen Dorf namens Råset lebt. Nach der Schule beginnt er sein Studium an der technischen Hochschule, wo er jedoch gemeinsam mit seinem besten Freund Espen Heggelund weit unter ihrem intellektuellen Niveau studierten. Denn Tormod hat eine dunkle Seite, die hervorkommt, wenn er sich übermäßig dem Alkohol und den Drogen hingibt. Glücklicherweise kann seine Freundin Siv ihn aus diesem Sumpf herausziehen, sie heiraten und bekommen zwei Kinder: Alf und Helene. Um ihr Glück perfekt zu machen, kaufen sie sich einen Hund, Snusken, der jedoch eines Tages plötzlich verschwindet. Um die Lücke zu füllen, beginnt Tormod die Arbeit an einem Klumpen Ton, den er mit reichlich Zusatzmitteln versetzt. Eines Tages bekommt er Besuch von Espen, mit dem er an einem feuchtfröhlichen Wochenende an diesem Tonbatzen herumexperimentiert. Die Dinge laufen aus dem Ruder, als der Batzen plötzlich ein Eigenleben entwickelt…

Matias Faldbakken ist ein cleverer Erzähler. Mit seiner kindlich-naiven Erzählstruktur wiegt er den/die Leser/-in in einer Sicherheit, die er spielerisch erst punktuell, später konstant mit unerwarteten Einschüben durchbricht. Dabei entsteht ein sehr abwechslungsreiches Szenario, welches auf der einen Seite ein herrliches Zerrbild einer modernen Familie und gleichzeitig eine bestechend scharf beobachtete Parabel über Machtmissbrauch und Verantwortungslosigkeit gegenüber einem (zugegebenermaßen sonderbaren) Schutzbefohlenen darstellt. Wir sind fünf ist eine inhaltlich wie stilistisch ungewöhnliche Geschichte, die bei all der surrealen Komik nachdenklich stimmt und gleichzeitig mit ihren Horrorelementen schockiert. Dabei hält das Grauen aufgrund des leichtfüßigen Tonfalles umso erschreckender Einzug und wirkt an manchen Stellen nachhaltig verstörend. Ein beeindruckend andersartiger Roman, der mich ziemlich begeistert hat!

Wir sind fünf (Originaltitel: Vi er fem, Norwegen 2019) erscheint in einer Übersetzung aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler als Hardcover mit Schutzumschlag und Lesezeichenband bei Heyne Hardcore (256 Seiten, 22€).

In einem sympathisch naiven Tonfall (und ich wähle diesen Begriff bewusst) erzählt Matias Faldbakken eine ungewöhnliche, ins kafkaeske abdriftende Geschichte die bravourös mit allerlei Metaphern, Anspielungen und Sinnbildern hantiert, den/die Leser/-in in einer trügerischen Sicherheit wiegt, um einem dann urplötzlich die Beine wegzutreten. Der Roman lebt von einer bestechend klaren Beobachtungsgabe und einer sorgfältig aufgebauten Geschichte, die gleichzeitig munter Haken schlägt. Ein außergewöhnliches Buch, wie man es nur selten in die Hände bekommt!

Christian Funke