Max Barry - Maschinen Mann (Heyne Hardcore)

Max Barry – Maschinen Mann (Heyne Hardcore)

 

Wenn der Klassiker Die Fliege in literarischer Form auf Tetsuo trifft, dann ist dass ein klarer Fall für das Ausnahmelabel Heyne Hardcore!

Autor Max Barry (Jahrgang 1973, in Australien lebend, Autor von Logoland) konfrontiert den Leser in seinem neuen Roman Maschinen Mann mit dem irrwitzig intelligenten aber in sozialen Dingen eher autistischen Wissenschaftler Dr. Charlie Neumann. Dieser ist Ingenieur und Forscher für den geheimnisvollen Großkonzern Better Future. Bei einem Betriebsunfall verliert er ein Bein. Dieses wird durch eine Prothese ersetzt, die er aber dank seiner technischen Fähigkeiten so lange modifiziert, bis diese seinem biologischen anderen Bein weit überlegen ist. Seine logische Konsequenz: das andere Bein muss ebenfalls weg, denn warum soll man etwas in einem weniger effizienten Zustand belassen, wenn es auch optimierbar ist.
Dieser Selbstversuch verschafft ihm in seinem Labor einen ungeahnten, beinahe legendären Ruhm, und fortan wird er sowohl von der Firma finanziell, als auch von seinen Labor – Kollegen unterstützt, weitere Körperteile zu optimieren. Als er jedoch tiefere Gefühle für die Prothesenexpertin Lola Shanks entwickelt, und dadurch einen anderen Blickwinkel bekommt, wird diese Entwicklung seitens der Firma missbilligend zur Kenntnis genommen, denn eines darf nicht geschehen: Dr. Neumann darf seine Energie nicht anderweitig vergeuden! Plötzlich hat Charlie einen Gegner, der übermächtig erscheint, da er sich unter Anderem der Technologien des Doktors bedient, um diesen in seine Schranken zu verweisen.

Max Barry

Das Buch lebt von seinen teils Überzeichnungen, teilweise fühlt man sich als Leser in einen japanischen Anime katapultiert. Stilistisch ist es dabei kurzweilig und sarkastisch, aber immer treffsicher geschrieben.
Grandios fand ich die Idee, den Roman stückchenweise im Internet zu schreiben, und so immer direkt in Foren eine Rückmeldung zu erhalten, die den Fortlauf der Geschichte mitunter beeinflusste.
Die Form der Ich-Perspektive bezieht dabei den Leser in die Gedankenwelt seines Protagonisten ein, was zum Teil echt erheiternd ist, wenn man normale soziale Kommunikationsmuster durch die Brille eines zwar hochintelligenten, aber letztendlich emotionalen Lattenzauns betrachtet.

Maschinen Mann erinnert in seinem messerscharf analytischen, sehr zynischen Stil an den Klassiker American Psycho. Selten wurde in einem Roman eine gesellschaftliche Sicht so pointiert und treffsicher dargestellt, analysiert und direkt wieder in Frage gestellt. Ein Roman, der nicht oberflächlich unterhalten will, sondern zum Nachdenken anregt. Geschickt gelingt es dem Autor, stilistisch fluffig und flapsig seine Geschichte zu erzählen, so dass man sich als Leser in einer komödiantischen Sicherheit wiegt, bis einem dann ohne große Vorwarnung der literarische Teppich unter den Füssen weggerissen wird, und man urplötzlich feststellt, dass man sich von Maschinen Mann nicht einfach nur unterhalten lassen kann, sondern unweigerlich eine persönliche Stellung beziehen sollte! Das ist genial, und macht aus meiner Sicht große Literatur aus, die nachdenklich stimmt und trotzdem zu unterhalten weiß!

Mit einer großen Empfehlung für diesen Roman schließe ich diese Review mit einem Zitat des Nobelpreisträgers für Medizin, dem Onkologen Drauzio Varella aus Brasilien:

„In der heutigen Welt wird fünfmal mehr in Medikamente für die männliche Potenz und Silikon für Frauen investiert als für die Heilung von Alzheimer-Patienten.

Daraus folgernd haben wir in ein paar Jahren alte Frauen mit großen Titten und alte Männer mit hartem Penis aber keiner von denen kann sich noch daran erinnern, wozu das gut ist …..“

Christian Funke-Smolka