Miroslav Penkov - Wenn Giraffen fliegen (Blessing)

Miroslav Penkov – Wenn Giraffen fliegen (Blessing)

 

Miroslav Penkov, Autor der vorliegenden Geschichtensammlung Wenn Giraffen fliegen (Blessing Verlag, gebundene Ausgabe, 320 Seiten) ist ein echter Überflieger: geboren in Gabrovo im Zentrum Bulgariens wandert er mit 18 Jahren nach Amerika aus, wo er eine Professur erhält, bevor er 30 ist. Zudem gewinnt er mit 25 seinen ersten Literaturpreis, und eine seiner Kurzgeschichten wird von Salman Rushdie und Heidi Pitlor in die „Best American Short Stories“ aufgenommen. Der Autor lehrt derzeit Englisch an der University of North Texas und ist Herausgeber der bekannten Zeitschrift American Literary Review.

Wenn Giraffen fliegen (Titel im Original: East of the West) sind insgesamt acht Geschichten, die in Bulgarien aber auch in den Vereinigten Staaten spielen. So unterschiedlich die einzelnen Geschichten auch sind, das zentrale Thema ist immer die Situation von Menschen, welche sich in komplett neuen Lebensumständen anpassen und wieder finden müssen. Einer Umgebung der Orientierungslosigkeit, wo man als junger Mensch lernen muss, seine Träume, seine Hoffnungen nicht aufzugeben, und seine für sich selbst gesetzten Ziele zu verfolgen.

Ob es die zwei jungen Kirchendiebe sind, die eigentlich das vermeintlich wertvolle goldene Kreuz stehlen wollen, aber dabei auf einen Obdachlosen stoßen, der sie dazu bringt, ihre Situation zu reflektieren, oder der alte Mann, der beim aufräumen jahrzehntealte Liebesbriefe eines ihm Fremden an seine kranke Frau findet, und nun erstmals mit Eifersucht zu kämpfen hat. Herrlich absurd auch die Geschichte des jungen Studenten, der für seinen kommunistischen Großvater Lenins einbalsamierten Leichnam auf Ebay ersteigert.

Persönliche Erlebnisse, politische Geschichte und fiktive Momente ergeben hier eine bunte Sammlung schöner aber auch tragischer Episoden.

Miroslav Penkov

Trotz der teils einfach gehaltenen Sprache erreichen die Geschichten eine emotionale Tiefe, die den Inhalt, der zwischen messerscharf beobachtet, witzig jedoch zumeist tragisch daherkommt, pointiert auf den Punkt bringt. Sind die einzelnen Stories vom Grundton her melancholisch und nachdenklich, so blitzt doch immer wieder ein kleiner, subtiler Funken Humor in der Betrachtung des eigentlich tragischen durch.
Hier liegt die Stärke des Autors, dass seine Protagonisten auch im dunkelsten Moment die Hoffnung nicht aufgeben, sondern in aller Tragik auch das Absurde betrachten. Dabei ist sein Schreibstil teils lyrisch, teils poetisch, meistens aber bissig, knapp und präzise.

Wenn Giraffen fliegen ist eine Sammlung von Geschichten, welche die persönliche Situation des Autors in ihrer bunten Vielfalt hervorragend darstellt. Sein Gefühlsleben, so meint man als Leser, lässt sich in jedem Satz und vor Allem zwischen jeder Zeile nachvollziehen. Sein scharfer Blick auf den ihn umgebenden Alltag, und seine Kontakte zu seinen Mitmenschen werden in den Geschichten auf komische, tragische und immer empathisch-zärtliche Weise gespiegelt. Ein wunderbares Buch, welches den Leser an vielen Stellen schmunzelnd über den eigenen Tellerrand schauen lässt.

Christian Funke-Smolka