Neal Stephenson - Anathem (Goldmann)

Neal Stephenson – Anathem (Goldmann)

Neal Stephenson, 1959 in Maryland/ USA geboren, gilt als einer der größten lebenden Autoren fantastischer Literatur. Er ist einer der Hauptvertreter des Cyberpunk, und vermischt in seinen Werken geschickt historische Elemente mit futuristischen Technikfantasien. Was ihn auszeichnet, ist dabei sein Faible für eine bildgewaltige und detailfreudige Beschreibung, die sich viel Zeit lässt, ihre Charaktere und die dazugehörige Geschichte zu entwickeln und zu entfalten. Dabei baut er in sich geschlossene, stimmige Welten mit ihren entsprechenden Systemen, Hierarchien und Gesetzen auf, die unglaublich komplex, aber überaus faszinierend sind.

Gerade der hier vorliegende Roman Anathem (Goldmann, 1024 Seiten) ist ein erneuter, beeindruckender Beweis des Talents und der ungebremsten Kreativität des Autors. Entstanden im Kontext von Stephensons Arbeit in dem „The Clock of the Long Now“-Projekt der „Long Now Foundation“, schrieb er einen Roman, der nicht nur eine neue Welt, sondern eine eigene Kultur mit eigenen Wortneuschöpfungen beinhaltete, die einen philosophischen und mathematischen Grundsatz vertritt, der unglaublich komplex und detailliert ausgeführt ist, den es aber als Leser lohnt, tiefer zu ergründen und gedanklich durchzuspielen.

Anathem spielt im Jahr 3689 auf dem Planeten Arbre, und dort in einer klosterähnlichen Gemeinschaft, wo Naturwissenschaftler, Philosophen und Mathematiker zusammen leben. Einer von ihnen ist unsere Hauptfigur Fraa Erasmas, der der Auserwählte zu sein scheint. Seine Aufgabe ist es, die Welt vor einer bevorstehenden Katastrophe zu retten.

Nun ist es an Erasmas, die jahrtausendealten, schützenden Mauern der Gemeinschaft, welche das gesamte Wissen beherbergen, zu verlassen, um in die sogenannte säkulare Welt außerhalb der Gemeinschaft zu gehen und dort die Lösung zu finden.

Trotz des komplett anderen literarischen Umfelds erinnerte mich Anathem im ersten Drittel frappierend an Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Elegisch und sehr detailliert werden die Lebensumstände der, ich nenne es mal klösterlichen Gemeinschaft beschrieben. Akribisch werden zwischen den

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wissenschaftlichen und philosophischen Diskussionen auch die kleinsten Hinweise auf die drohende Katastrophe gesammelt und dechiffriert, so dass die letztendliche Reichweite sich erst Stück für Stück enthüllt. Schließlich ist man gezwungen, die schützenden Mauern zu verlassen, wobei das Schicksal immer häufiger für unseren Protagonisten gnadenlos zuschlägt.

 

Neal Stephenson ist ein echter Meister seines Fachs! Man merkt ihm die Freude an, die es ihm bedeutet, intelligente und fesselnde Geschichten wortreich zu erzählen! Auch wenn es oftmals sehr langsam vorwärts geht, sitzt man als Leser mit dem Buch in der Hand, und ertappt sich, wie man selber Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen zusammensetzt, sich die wissenschaftlichen Abhandlungen nochmals durch den Kopf gehen lässt, um sie auf die innere Logik zu überprüfen, oder sich an den im Text eingefügten, fiktiven Wörterbucheinträge, die seine Wortneuschöpfungen auf ihren Wortstamm und ihre Herleitung hin erklären. Das ist zwar zum Teil schwer lesbar aber trotzdem faszinierend.

Anathem ist ein echter literarischer Brocken. Zu Beginn tut man sich, gerade wegen der vielen neuen Begrifflichkeiten, unheimlich schwer mit der Lektüre, zumal es eben typisch Stephenson ist, das erzählerische Tempo nicht auf Kosten des intellektuellen Inhalts nach vorne zu stellen. So braucht es seine Zeit, bis man als Leser sein eigenes Tempo dem der Geschichte angepasst hat, und man nun völlig in der Erzählung versinken kann.

Anathem ist ein inhaltlich und intellektuell fordernder Roman, der im Gegenzug seinem Leser unheimlich viel zu bieten hat. Man muss sich jedoch die Zeit nehmen, sich auf den Inhalt und seinen Stil einlassen, wird dafür aber auch reichlich belohnt. Ein Buch, welches so komplex und bildgewaltig, so liebevoll und detailliert geschrieben ist, dass es so vieles andere unglaublich klein wirken lässt!

Christian Funke-Smolka