Neil Stephenson - Error  (Manhattan)

Neil Stephenson – Error (Manhattan)

Neil Stephenson ist zurück! Nachdem ich eben erst das großartige Anathem gelesen habe, versinke ich sofort in dem nächsten, über tausend Seiten schweren literarischen Universum dieses phänomenal unverwechselbaren Geschichtenerzählers.
In Error (Manhattan, 1024 Seiten, gebundene Ausgabe) entführt einen der Autor dieses Mal, was ungewöhnlich für ihn ist, in eine alternative Gegenwart. Thema seines wie immer hervorragend und umfassend recherchierten Buches ist die digitale Welt, konkret die der Multiplayer-Online-Games.

Gleich zu Beginn werden dem Leser zwei der wichtigsten Hauptfiguren im Rahmen einer Thanksgiving-Familienfeier vorgestellt: Richard „Dodge“ Forthrast, ein zurückgezogen lebender Eigenbrötler, der lieber in den virtuellen als der realen Welt lebt, mit der Schöpfung seines Online-Rollenspiels T’rain und Haschischschmuggel jedoch Multimillionär wurde.
Die zweite Person ist Zula Forthrast, Richards Nichte, welche als Flüchtlingskind von der Familie adoptiert wurde. Sie ist arbeitslose Programmiererin, die durch ihren Onkel einen Job bei T’rain bekommt. Doch damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn Peter Curtis, Zulas Freund, ist Hacker und nutzt T’rain nun als Zugang für einen Virus namens REAMDE, der Dateien auf den Rechnern seiner Nutzer verschlüsselt und erst gegen ein Lösegeld, welches im Spiel hinterlegt werden soll, wieder decodiert. In besagtem Rollenspiel führt dies jedoch zu ungeahnten Konsequenzen, da nun Räuber online den Spielern das Lösegeld abzunehmen versuchen und sich parallel dazu Söldnergruppen bilden, die den Spielern ein sicheres Geleit gegen ein Entgelt anbieten.
In der Realität gelangt das Virus auf den Rechner eines russischen Gangsters, der deshalb Jagd auf die Verursacher macht. Es werden nun immer mehr Charaktere in den Kampf hineingezogen, der alle Beteiligten in einen brutalen Strudel reißt.

Auch der vorliegende Roman Error besitzt, obwohl er vorrangig sehr actionlastig ist, eine unglaubliche Sprachvirtuosität, die den Autoren zu einem der derzeit besten seines Fachs erhebt. Man muss lange suchen, bis man jemanden unter den gegenwärtigen Schriftstellern findet, die diese Feinheit der Formulierung, diesen vollendeten Gebrauch des pointierten Satzbaus so beherrschen, wie es Neil Stephenson in seinen Büchern gelingt.

Neal Stephenson
(Foto-Copyright: Peter von Felbert)

Der an Halloween im Jahr 1959 in Fort Meade in Maryland geborene Autor Neil Stephenson ist bekannt geworden durch seine dem Cyberpunk zugeordneten Science Fiction – Romane, allen voran „Snow Crash“ oder „Cryptonomicon“ und dem drei Bände umfassenden Barock-Zyklus „Quicksilver“, „Confusion“ und „Principia“, die allesamt zu Recht mit Preisen überhäuft wurden.
In seinen Büchern mischen sich häufig historische Elemente mit futuristischen Technikfantasien, wobei er komplexe Handlungsstränge mit Fakten und Fiktion mischt, visionär weiterdenkt und eigene Gedankenmodelle entwirft. Es geht ihm nicht nur darum, DAS Dinge sind, sondern wie sie funktionieren, und zwar bis ins kleinste Detail! Dies macht seine Geschichten so interessant, spannend aber auch lehrreich, wobei es damit aber auch nie Bücher sind, die man „einfach so durchlesen“ kann!

Error erinnert in seiner Struktur und seiner überbordenden Fülle an Informationen, Charakteren und Beschreibungen an die Werke eines früheren Clive Barker. Diese ungebremste Lust an der treffsicheren Nutzung der Sprache, dabei einen epischen Rahmen mit unzähligen Charakteren so zu beschreiben, dass die Geschichte über unglaubliche tausend Seiten sowohl temporeich als auch spannend bleibt, das ist die Kunst, die Neil Stephenson auf ein so hohes Niveau katapultiert. Den Spaß, den er bei seiner Geschichte hatte, überträgt sich in weiten Teilen nahtlos auf den Leser. Oft ertappte ich mich dabei, dass ich Abschnitte mehrfach las, nicht weil ich sie nicht verstand, sondern weil ich so fasziniert von der Formulierung, so hingerissen von der Eleganz des Satzbaus und dem Ideenreichtum war.

Neil Stephenson, der nach einem Laptop-Crash und dem damit verbundenen Komplettverlust seiner internen Festplatte alle Manuskripte nur noch per Hand schreibt, widmet sich in seinem neuen Roman Error (im Original: REAMDE) ganz der gegenwärtigen Welt der Hacker und dem Dasein in einer virtuellen Realität eines Computerspiels. Auffallend an dem vorliegenden Roman ist die für Stephenson ungewöhnliche Gradlinigkeit der Geschichte. Der Verzicht auf eine verschachtelte und überbordende Story machen Error deshalb für Leser, die die Welten des Autors jetzt erst für sich entdecken, hochinteressant, da man so langsam an die komplexen Gedankenstrukturen und Philosophiemodelle, die der Autor in seinen anderen Werken, wie zum Beispiel „Anathem“ oder „Cryptonomicon“ ausbreitet, herangeführt wird. Dies macht den vorliegenden Roman Error jedoch nicht zu einem schwächeren, sondern einsteigerfreundlichen Stephenson-Roman!
Da die Übersetzung von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl überaus gelungen ist, kann ich jedem Error aus dem Hause Manhattan ans Herz legen, der die länger werdenden Herbstabende mit einem sowohl intelligenten als auch spannenden Buch verbringen möchte, das mich in meinen Besprechungen und Anpreisungen immer in Superlativen schwelgen lässt!

Christian Funke-Smolka