Nora Melling - Schattenblüte Band 1 und 2

Nora Melling – Schattenblüte Band 1 und 2

Nora Melling
Schattenblüte – Die Verborgenen
Schattenblüte – Die Wächter
(Rowohlt Polaris)

 

Die Autorin Nora Melling präsentiert den Leserinnen und Lesern mit ihren beiden Büchern Schattenblüte – Die Verborgenen und Schattenblüte – Die Wächter eine Geschichte, die oberflächlich betrachtet auf ein eher jugendliches Publikum zugeschnitten scheint, welches gerade den letzten Twillight – Roman zur Seite gelegt hat. Aber ich betone, dass es sich hier um einen oberflächlichen Blick handelt, der rein von der Thematik, welche im Klappentext beschrieben steht, geleitet wird. Denn lässt man sich auf die Geschichte um Luisa und Thursen ein, wird schnell deutlich, dass hier im Gewand eines Fantasy-Romans viel mehr steckt, und dieser Rahmen nur das Mittel ist, eine Botschaft zu transportieren, die wesentlich tiefer geht und viele Menschen betrifft.
Es geht hier um den Verlust eines geliebten Menschen, der Umgang mit der Trauer, dem Gefühl des „nicht akzeptiert werden“, wohl erkennend, dass man zu einem gewissen Teil auch selbst dafür verantwortlich ist, aber hier wiederum keinen Ausweg findet. Dazu kommt noch das typische Gefühlschaos einer Heranwachsenden, gepaart mit einem teils pubertären emotionalen Tunnelblick und der damit verbundenen Zickigkeit. Dies wird wunderbar durch die Form der Ich-Erzählung transportiert.

Hauptfigur und Erzählerin der Schattenblüten – Romane ist die in Berlin wohnende, junge Luisa, die durch den Krebstod ihres jüngeren Bruders Fabian in eine schwere Depression gestürzt ist. Zudem versucht sie, gefühlsmäßig hin- und hergerissen, sich selbst zu finden, kämpft außerdem mit einer schweren Essstörung und Problemen in der Schule. Da sie auf die Unterstützung ihrer Eltern nicht zählen kann, verschlechtert sich ihre Gemütslage zusehend, so dass sie immer mehr das Gefühl bekommt, weniger zu leben als nur noch „zu funktionieren“; und selbst das nicht mal richtig.
Immer öfter streift sie durch die Parks und Wälder der Umgebung. Eines Tages bemerkt sie einen großen, zerzausten Hund und fühlt sich durch diesen verfolgt. An ihrem siebzehnten Geburtstag beschließt sie, dem Wunsch nach innerer Ruhe ein für allemal nachzugeben, und besteigt den Grunewaldturm, um sich in den Tod zu stürzen. Doch im letzten Moment wird sie von einem geheimnisvollen Jungen namens Thursen davon abgehalten. Dieser lebt mit einer Gruppe, die Verborgenen, im Wald. Es sind Gestaltenwandler, die sich in Wölfe verwandeln können, jedoch mit jeder Verwandlung bleiben sie immer ein kleines bisschen mehr Wolf. Auch wenn Thursen Luisa warnt, treibt es sie doch immer wieder zu der Gruppe, bis sich eine Beziehung zwischen den Beiden aufbaut. Je näher Luisa Thursen kommt, und je mehr er sie in ihrer Trauerarbeit unterstützt, desto mehr möchte sie über seine wahre Identität und seine Beweggründe herausfinden, sich von den Menschen zu entfernen, und das Leben in einem Wolfsrudel zu bevorzugen.

Die Fortsetzung Schattenblüte – Die Wächter spielt zum Jahreswechsel, als Luisa und Thursen in den Grunewald zurückkehren. Ihrem gemeinsamen Glück steht immer noch Luisas nicht bewältigte Trauer um den verlorenen Bruder im Weg.
Als sie auf eine Leiche stoßen, wird ihnen klar, dass Wölfe des Rudels aus dem Verborgenen herausgetreten sind, und somit ihre Gegenspieler auf sich aufmerksam gemacht haben. Luisa jedoch sieht für sich eine ganz andere Chance. Da die Wölfe die Tore der Unterwelt beschützen, kann sie bei dem allgemeinen Tumult ins Totenreich gehen, um ihren Bruder zurückzuholen. Ein Kampf um die eigenen Gefühle, ihre Liebe aber auch um Leben und Tod beginnt!

Nora Mellings Schattenblüte – Die Verborgenen (erschien am 01. November 2010) und auch die Fortsetzung Schattenblüte – Die Wächter (erscheint am 01. März 2012) sind unglaublich schön gemachte, broschierte Ausgaben mit Prägedruck aus dem Hause Rowohlt Polaris die aus meiner Sicht eine Menge Leser alleine über die gelungene Buchgestaltung anlocken werden.
Aber wie schon eingangs erwähnt, soll man nicht davon ausgehen, eine Fantasy-Geschichte für ein jugendliches Publikum serviert zu bekommen, denn wer bereit ist, sich der Erzählung auch auf einer anderen Ebene zu nähern, wird schnell die Vielschichtigkeit erkennen.
Auch wenn der Schreibstil der Autorin für mich zu Beginn auf Grund seiner teils sehr kurzen Formulierungen und der prägnanten, fast abgehackt klingenden Sprache gewöhnungsbedürftig war, liest man sich schnell ein, und gerät dann auch sofort in den Fluss der Geschichte. Der Autorin gelingt es dabei, ihre poetischen, aber auch kritischen und philosophischen Ansichten gut

Nora Melling

in die Sprache des jungen Mädchens zu „verpacken“, und damit ihre Botschaft durch ihre Hauptprotagonistin transportieren zu lassen.

Die Romane von Nora Melling strotzen dabei von einer unglaublichen Lust am Erzählen, und man merkt, dass es der Autorin teils schwer gefallen sein muss, alle Ideen und kleinen Nebenhandlungen in den Rahmen eines Romans zu pressen. Die Autorin ist Jahrgang 1964, geboren in Hamburg und lebt nun mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Berlin (hier zeigen sich Parallelen zu ihrer Hauptfigur). Auf ihrer Homepage zeigt sie sich sehr interessiert an ihrem Publikum und scheint sehr offen im Kontakt zu ihren Fans zu stehen (http://www.noramelling.de/).

Die beiden Geschichten der Schattenblüten – Welt sind eine einfühlsam und packend erzählte Parabel auf das, was das Menschsein ausmacht: sie handeln von Stärken und Schwächen, Liebe und Verlust, Trauer und Freude, und dürften hierzulande die derzeit interessanteste Fantasylektüre für junge und jung gebliebene Leserinnen und Leser sein!

Buchtrailer

Christian Funke-Smolka