Oliver Harris - London Killing (Blessing Verlag)

Oliver Harris – London Killing (Blessing Verlag)

 

Detective Constable Nick Belsey ist offensichtlich ziemlich am Ende. Finanziell abgebrannt findet er sich zu Beginn der Geschichte mit einem unbeschreiblichen Filmriss zerschlagen in einer Pfütze eines abgelegenen Parks wieder. Wie es aussieht, hat er neben beträchtlichen Verlusten beim Glücksspiel ein latentes Alkoholproblem, und mit seinem Job steht es auch nicht zum Besten. Der Unmut seiner Vorgesetzten, die Dienstaufsicht, ein anstehendes Disziplinarverfahren und der Verlust seiner Wohnung lassen in ihm den Gedanken reifen, dass es an der Zeit sei, woanders einen Neuanfang zu beginnen. Doch auch dieser kostet Geld.
Als er bei scheinbar unbedeutenden Ermittlungen die Villa des vermissten russischen Oligarchen Alexei Devereux betritt, beschließt er, ohne groß nachzudenken, in dem leeren Haus Unterschlupf zu suchen. Als er im Safe-Room den wohlhabenden Russen tot auffindet, nimmt er kurzerhand dessen Identität an, in der Hoffnung, dadurch an Geld für seinen Neuanfang zu kommen. Jedoch bemerkt er schnell, dass hinter dem vermeintlichen Selbstmord des russischen Geschäftsmannes mehr steckt, und dass er nicht so einfach wie geplant aus der geliehenen Identität herausschlüpfen kann. Er befindet plötzlich sich in einem gefährlichen Netz aus Korruption und Wirtschaftskriminalität, wo ein Menschenleben nicht viel zählt.

Um es kurz zu machen: ich bin begeistert! Man merkt an kaum einer Stelle, dass es sich bei dem vorliegenden Roman London Killing (480 Seiten, gebundene Ausgabe, erschienen im Blessing Verlag) um den Debütroman des britischen Autoren Oliver Harrishandelt. Mit einem feinen Blick für Situationen, einer Liebe für das kleine Detail und dem Gespür für das richtige Timing gelingt ihm ein fesselnder Roman um einen moralfreien Protagonisten. Aber es ist dem Autoren hoch anzurechnen, dass er darauf verzichtet hat, seinen Hauptcharakter zu negativ zu behaften, vielmehr entwickelt man als Leser an einigen Stellen Verständnis für sein Handeln, ohne dies dabei zu entschuldigen. Wir erleben hier einen zerrissenen, selbstzerstörerischen Charakter mit einem großen Sack an persönlichen Problemen, welche ihn in eine Situation katapultiert haben, aus der er nun kaum einen Ausweg sieht. Er ist intelligent, sogar gerissen, aber auch mit einem Händchen für die falschen Entscheidungen gesegnet, und zum Glück kein klischeebehafteter Genreermittler, sondern ein Typ mit „Ecken und Kanten“.

Oliver Harris

Oliver Harris, 1978 in London geboren, studierte englische Literatur und kreatives Schreiben, derzeit arbeitet er an seiner Doktorarbeit über Psychoanalyse und Griechische Mythologie. In seinen Fachgebieten hat er eine Reihe von wissenschaftlichen Texten und Aufsätzen veröffentlicht, hier nun aber mit dem vorliegenden London Killing sein Romandebüt verfasst. Deutlich spürbar ist die Ortskenntnis Hampsteads, die der Autor besitzt (er wuchs dort auf), welche seine Beschreibungen der Stadt so lebhaft und realistisch wirken lassen. London- Kenner werden die Lektüre lieben, spielt sie doch an vielen realen und bekannten Schauplätzen. Auf faszinierende Weise gelingt es ihm dabei, sowohl die idyllischen als auch die düsteren Seiten der Stadt darzustellen.

London Killing besitzt eine lakonische, morbide, aber oftmals auch schwarzhumorige Grundatmosphäre, die mit einem feinen Sprachgespür den Leser in den Bann schlägt. Die wendungsreiche Geschichte lässt einen bis zur finalen und sehr rasanten Auflösung im Unklaren, wobei nahezu konstant der Spannungsbogen gehalten wird.

Thrillerfans werden hier voll auf ihre Kosten kommen, ich persönlich freue mich auf jeden Fall schon auf die nächste Geschichte über Detective Constable Nick Belsey!

Buchtrailer

Christian Funke-Smolka