Patrick De Witt - Die Sisters Brothers (Manhattan)

Patrick De Witt – Die Sisters Brothers (Manhattan)

 

Der Western erlebt im Filmgenre gerade seine Wiederbelebung, im Roman jedoch ist er leider eher selten anzutreffen. Patrick De Witt (1975 in Vancouver, Kanada geboren, danach viel rumgereist, und mittlerweile mit seiner Frau und seinem Sohn in Portland, Oregon lebend) wagt mit seinem zweiten Roman dieses Experiment. Ihm gelingt dabei ein phantastischer, trotz des eher einfachen Stils tiefgehender und bissiger Roman, der seine relativ simpel konstruierte Story nutzt, um eine ganze Generation beziehungsweise Ära zu beschreiben.

Die Geschichte handelt dabei von den Brüdern Charlie und Eli Sisters, welche zusammen als Auftragskiller für den mächtigen Kommodore arbeiten, unterschiedlicher aber nicht sein können. Der eine ist ein skrupelloser, unmoralischer Trunkenbold, der andere ein in sich gekehrter, beinahe philosophischer Denker. Beide bekommen den Auftrag, Hermann Kermit Warm aufzuspüren und zu töten. Fragen nach dem warum werden nicht gestellt, die einzige Info ist die, dass man ihm vor seinem unfreiwilligen Ableben eine geheimnisvolle Formel abnehmen soll.
Doch die Suche nach Warm, so wie die Reise durch ein unwirtliches, sich Mitten im Umbruch befindendes Land, welches gerade die Hochphase des Goldrausches durchlebt, erweist sich als schwieriger und vor Allem blutiger, als vorher gedacht.

Patrick De Witt’s Die Sisters Brothers ist geradlinig und schnörkellos erzählt. Keine komplexe Geschichte mit einer unübersichtlichen Anzahl an Nebencharakteren lenkt den Leser von dem Kernthema ab, stattdessen wird man mit trockenem Humor, radikalen Ideen und bitterbösen, teils zynischen Momenten in die Story gezogen. Vergleiche mit dem grandiosen Hunter S. Thompson drängten sich mir auf, da auch er vordergründig eine relativ überschaubare Geschichte erzählte, seine Botschaft aber, ähnlich wie Patrick De Witt, auf einer viel subtileren Metaebene vermittelte. Denn eines wird deutlich, keiner der im Buch vorkommenden Charaktere geht ohne eine persönliche Entwicklung aus den beschriebenen Vorkommnissen heraus.

Patrick De Witt

Dabei überschreitet der Autor mit einer erstaunlichen Leichtigkeit die Genregrenzen, und versetzt den Roman beinahe nebenbei auf ein ganz anderes und wesentlich höheres Niveau!

Die gebundene Ausgabe von Patrick De Witt’s Die Sisters Brothers aus dem Hause Manhattan (352 Seiten) ist ästhetisch, beinah künstlerisch aufgemacht, und zeigt ein markant gestaltetes Buchcover mit einem abstrakt gestalteten Vollmond, vor welchem sich zwei Figuren mit erhobenen Waffen befinden. Teile der Coverzeichnung befinden sich dann als Teilausschnitt im Buch als visuelle Trennung einiger Buchabschnitte.
Die erste Zeile eines jeden Kapitels dient dazu als Quasi-Überschrift durch einer hervorgehobenen und vergrößerten Schrifttype.

Die Sisters Brothers ist eine lakonische, erhellende, teils bitterböse und sehr schwarzhumorige Geschichte zweier Brüder, die sich dem Leben als Auftragskiller im Wilden Westen des Jahre 1851 mit all seinen Widrigkeiten stellen müssen, über sich hinauswachsen, und dabei Seiten an sich selbst erkennen, die ihnen vorher eher unbekannt waren. Kurzweilig und spannend mit einem teils rasanten Tempo erzählt, kann ich diesen Roman jedem Genrefreund dringend empfehlen.

Christian Funke-Smolka