Petra Giloy-Hirtz: David Lynch - The Factory Photographs (Prestel)

Petra Giloy-Hirtz: David Lynch – The Factory Photographs (Prestel)

Lynchs Filme sind Kult, seine Fotografien hingegen kaum bekannt. Dabei zeigen sie in faszinierender Weise seine unverwechselbare Handschrift: surreal magische Bilderwelten iDavid Lynch vonn Schwarz-Weiß, Traumsequenzen gleich in ihren Motiven, Stimmungen und Farbnuancen. Wie in seinen frühen Filmen begegnet man Lynchs Faszination für Fabriken, seiner Obsession für Schornsteine, Schlote, Maschinerien, für Dunkelheit und Geheimnis. Über 30 Jahre fotografierte er verfallende Monumente der Industrialisierung, Überreste einer verschwindenden Welt, in der Fabriken stolze Marksteine des Fortschritts waren, nunmehr Wüsteneien, unbewohnte Schattenreiche, Szenarien für Geschichten, die aufgeladen sind mit der für Lynch charakteristischen emotionalen Aura. „They have a mood!“

Ein großer Teil dieser Fotografien entstand in Berlin – sie zeigen Fabriken in der Stadt und ihrer Umgebung – sowie in Łód´z, Polen, aber auch in England, New York und Los Angeles. Mit wenigen Ausnahmen sind sie unveröffentlicht.

DR. PETRA GILOY-HIRTZ ist Kuratorin und Autorin zahlreicher internationaler Ausstellungen und Publikationen zur zeitgenössischen Kunst. Sie war zehn Jahre lang Assistentin und Akademische Rätin für mittelalterliche Literatur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Lehraufträge an der Ludwig-Maximilians-Universität München, seit 1993 ist sie freie Kuratorin, z.B. für das Diözesanmuseum des Erzbistums München und Freising (1998-2005). Ausstellungen mit Kiki Smith, Robert Longo, Olafur Eliasson, Geoffrey Hendricks, Mark Harrington, Lawrence Carroll, Kai Althoff u.v.a., Projektleiterin des Kulturreferenten der Stadt München (1998-2000).

Publikationen: Zuletzt Lucas Reiner, Los Angeles Trees (Prestel 2008), Stefan Hunstein, Schön war’s! (Hatje Cantz 2009), Christopher Thomas, New York Sleeps (Prestel 2009), Christopher Thomas, Passion (Prestel 2010), Julian Schnabel, Polaroids (Prestel 2010).

(Presseinfo)

Meinung zum Bildband:

David Lynch ist als eigensinniger Filmemacher weit über die Emporen des Arthaus-Kinos hinaus in der ganzen Welt bekannt. In teils verstörenden, meist aber geschmackvollen Bildern trachtet er wie kein zweiter Besessener danach, das Unbewusste in uns Menschen zu erhaschen, zu begreifen. Also jene unscharfen Prozesse im Gehirn, die uns scheinbar sicher durchs Leben geleiten, manchmal jedoch arglistig piesacken und des Nachts gleichSzene 2. hinter der nächsten Traumecke als grimmiger Nachtmahr auf uns lauern können.

Zudem bilden seine Werke nicht bloß die eine Seite der Medaille ab, sondern spiegeln die menschliche Seele auf unterschiedlichste Weise. Lynch erscheint dabei als staunendes Kind, das die aufregendsten Dinge aus seinem Sandkasten fischt. Dies ermöglicht ihm zugleich, spontan und im Urvertrauen mit der Welt arbeiten zu können. Untermauert durch ein wildes Soundtrackgemisch aus lieblichen amerikanischen Volksweisen, zähem Wüstenrock, ätherischen Elfengesängen und apokalyptischer Geräuschmusik – entliehen meist dem Genius seines Hauskomponisten und langjährigen Gefährten Angelo Badalamenti.

Zu gerne legt der Regisseur falsche Fährten aus, pult mit dem Zeigefinger in alltäglichen Verschrobenheiten herum und sät seine Indizien in scheinbar lineare Handlungen, die sich jedoch binnen kürzester Momente in einen rückkoppelnden Mahlstrom aus Verzweiflung, Angst und Hilflosigkeit verwandeln können. Um uns zum Epilog dann feixend eine Vorgarten-Idylle mit Sahne auf den Kuchenteller zu legen. Man kann sich bei David Lynch niemals seiner Sache sicher sein und doch ist sicher, dass Lynch in der Sache ein einmaliger Künstler ist. Was er wiederholt auch auf anderen Gebieten beweist: Als gedankenverknoteter Musikus, kindlich-naiver Maler oder ebenso als einfSzene 3.acher Fotograf.

So geschehen zuletzt in London, wo die kürzlich unweit der Oxford Street eingezogene Photographers Gallery als Europa-Premiere seit dem 17. Januar und noch bis Ende März diesen Jahres eine Ausstellung der „Factory Photographs“ präsentiert: Eine formal gestrenge Reihe aus über 80 Schwarzweiß-Aufnahmen von Fabriken und Industriekultur, die Lynch meist neben seinen jeweiligen Dreharbeiten an den verschiedenen Orten vorgefunden und abgelichtet hat.

Der vorliegende Bildband bietet für alle, die sich den Weg nach London sparen möchten, eine praktikable Möglichkeit, das Versäumte auf 220 üppig ausstaffierten Seiten nachzuholen. So fehlt den Abdrucken natürlich der atmosphärische und räumliche Kontext einer echten Kunstgallerie. Doch die Reduktion auf zwei Dimensionen ist zu ertragen, die Einbindung in ein schlichtes, schwarzes Hardcover gerät durchaus edel und zur Lektüre findet sich unter anderem ein kurzes, informatives Gespräch zwischen dem Amerikaner Lynch und seiner deutschen Kuratorin Petra Giloy-Hirtz, die nun schon über 20 Jahre lang unermüdlich Kunstausstellungen in der ganzen Welt betreut. Zuletzt hatte sie beispielsweise ein Portfolio von privaten Aufnahmen des verstorbenen Dennis Hopper für die ÖffentliSzene 1chkeit zugänglich gemacht – einem der getriebensten Schauspieler, der jemals mit Lynch zusammengearbeitet hat.

Somit schließt sich der Kreis auf mehreren Ebenen und der Geist der Maschinen darf nach langer Abstinenz wieder über die Welt von David Lynch regieren. Ein Fluidum, das in den Frühwerken „Eraserhead“ und „The Elephant Man“ noch omnipräsent schien und das sich bei späteren Arbeiten des Regisseurs eher sublim auf unterlegtes Brummen, Pulsieren oder Tosen beschränkte – von den ungeschönten Darstellungen abgerockter Viertel des Molochs Großstadt wie in „Blue Velvet“ einmal abgesehen.

„The Factory Photographs“ ist daher kein Bildband zum Wohlfühlen geworden und auch keiner, den man mit jedem seiner Freunde und Verwandten teilen möchte. Lynch selbst sieht in ihm eine Art persönliches Fenster in eine fremde, „seltsame Welt“, der man sich öffnen muss, um ihre Schönheit, ihren Reiz zu begreifen. Älteren Semestern sind die festgehaltenen Gebäude und ihre fast schon selbst zu Architektur erstarrten Verfallserscheinungen oft noch als regulärer Bestandteil ihrer Lebenswelt vertraut, jüngere Menschen hingegen kennen nur die verbliebenen, per Weltkulturerbe geschützten und von Grund auf renovierten Konstrukte als verfremdete Reliquien einer verlorenen Zeit.

Zeit wiederum, die man sich sicher nehmen sollte, um den Fotografien zu begegnen, sie zu erkunden und womöglich zu erobern. Lynch schreitet gemächlich durch die ihn umzingelnden Fabrikschluchten, sieht sich Szene 4.ehrfurchtsvoll um und hält unaufhörlich aufs Motiv drauf, scheinbar ohne Rücksicht auf ästhetische Gesichtspunkte oder einen Hauch von formeller Kongruenz. Drohend erheben sich dunkle, brüchige Fassaden an allen Seiten aus dem Nebel, türmen sich zu wahren Ungetümen aus Schatten, Stein und korrodiertem Stahl. Dessen ungerührt schneiden sich umgebende Zäune und elektrifizerte Leitungen ihren Weg durchs Bild. Ein Weg, der vage und der Fantasie des Betrachters überlassen bleibt. Ein Weg, den kein anderer Mensch außer dem Fotografen selbst kreuzt, auch wenn sich auf manchem Bild so etwas wie umtriebige Geschäftigkeit im Inneren der gigantischen Maschinerie andeutet. Es herrscht eine fast schon brutale Einsamkeit, die selbst das Wetter als stummen Zeugen außen vor lässt.

Überhaupt wirken die Aufnahmen schonungslos roh und ungekünstelt, ohne das Sujet dabei anzuklagen oder abwertend bloßzustellen. Lynch sagt uns nur: So war es, so ist es – was Ihr daraus macht, ist eine ganz andere Geschichte. Je länger man sich demnach durch die Seiten arbeitet und den räudigen Gestank der Pest und Galle spuckenden Industrie jener Tage zu atmen meint, der einem von fast jedem Bild entgegen strömt, umso mehr wird man Teil dieser qualmenden, fauchenden und dröhnenden Welt, die unser modernes Leben überhaupt möglich gemacht hat und die wir gerade aus „Eraserhead“ in ihrer Essenz bereits kennen. Zugleich blicken wir durch staubblinde und geborstene Fensterluken auf ihr jähes Ende, ihren stillschweigenden Verfall und ihre röchelnde Agonie. Mögliche Schadenfreude wird dabei mit Schutt überdeckt, der durch geborstene Dächer ins Innere rieselt. Kabelstränge und Armaturen ertrinken klaglos im Grundwasser, in dem sich die ungerührt dastehenden Schächte und Traversen spiegeln. Poröse Rohre warten ergeben auf das unausweichliche Ende, umarmt immer noch von einst stolzen Mauern, in denen längst die Vergängnis nistet.

Das Ganze kann man systemkritisch als Metapher auf die heutige dienstleistende Welt übertragen, die die Bürger nicht weniger ausbeutet, als es früher in den Werkshallen und Bergwerken mit unseren Vorvätern geschehen ist. Darum geht es Lynch aber gar nicht. Er liebt Fabriken als solche, ihren Geruch, ihren Klang, ihre massive Präsenz. Das tut er schon seit seiner Kindheit und genauso schätzt er es, wie die Natur inzwischen diese vormals uneinnehmbaren Festungen zurückerobert hat und so eine bizarre Symbiose aus metallener Vergangenheit und organischer Zukunft entstehen lässt. Daran lässt er uns ausschöpfend Teil haben. Seien wir ihm dafür dankbar. Und werden wir deswegen gemeinsam mit ihm vor Freude verrückt. Aber eben nur fast.

Peter Parmesan (Text)

  Christian Funke-Smolka (Layout)