Ryan David Jahn - Ein Akt der Gewalt  (Heyne Hardcore)

Ryan David Jahn – Ein Akt der Gewalt (Heyne Hardcore)

Es gibt Bücher, die sind in ihrer Beschreibung sehr schwierig, unangenehm zu lesen, drastisch und trotzdem so wichtig, da sie einen wach zu rütteln versuchen, und einer Gesellschaft, und damit auch einem selbst, einen Spiegel vorhalten. Einige davon findet man beim Heyne Verlag unter dem Label Hardcore (ich denke da an den ähnlich orientierten Jack Ketchum).
So auch den vorliegenden Debütroman Ein Akt der Gewalt von Ryan David Jahn, der bisher Drehbücher für Film und Fernsehen verfasste, und für seinen Debütroman, der auf den wahren Fall um die Ermordung von Kitty Genovese aus dem Jahr 1964 basiert, mit dem Debut Dagger Award ausgezeichnet wurde.

Katrin Marino befindet sich nach einem anstrengenden Arbeitstag in einer Bar auf dem Heimweg, als sie in den frühen Morgenstunden direkt vor der Haustür ihrer Wohnkomplexes Opfer eines brutalen Überfalls wird. Obwohl nahezu alle 38 Mieter des Hauses den Überfall bemerken, greift keiner der Bewohner ein oder ruft die Polizei. Katrin Marino stirbt an den ihr zugefügten Verletzungen, ohne dass einer der Zeugen versucht hat, das Verbrechen zu verhindern.

Ryan David Jahnnahm sich des realen Falles um Kitty Genovese an, der 1964 zu trauriger Berühmtheit gelangte, weltweit für Schlagzeilen sorgte, und den Begriff „Bystander Effect“ (hierzulande als „Zuschauereffekt“ bekannt) prägte. Hier handelt es sich um das Verhalten von Zeugen eine Unfalls oder Verbrechens, denn es ist zu beobachten, dass sich bei einer Zunahme der anwesenden Personen die Hilfsbereitschaft minimiert, beziehungsweise tendenziell gen Null geht. Jeder versucht sich rauszuhalten, und die Verantwortung an einen anderen Anwesenden zu übertragen, da man meint, die Situation nicht richtig einzuschätzen, und sich dann eventuell zu blamieren.

Ryan David Jahn

Der Autor beschreibt das Verhalten der Anwesenden in einem kurzen, knappen Stil in kurzen, überschaubaren Kapiteln, formuliert in umgangssprachlichen Worten und erschafft dadurch eine Realitätsnähe. Es wird dabei nicht nur das Schicksal von Katrin Marino beleuchtet, sondern auch die Hinter- und Beweggründe der Anwesenden betrachtet und hinterfragt. Dadurch entsteht ein komplexes, brutales, aber auch erschreckend desillusionierendes Bild beim Leser.

Heyne Hardcore, prädestiniert für diese Art Lektüre, veröffentlicht Ein Akt der Gewalt (272 Seiten) als gebundene Ausgabe mit einem ästhetischen schwarz – weiß Cover.

Ein Akt der Gewalt ist ein düsterer, fesselnder und nachdenklich stimmender Blick auf ein gesellschaftliches Phänomen, eine Studie über das menschliche Miteinander, Vorurteilen und dem Mangel an Zivilcourage. Es zwingt zum Nachdenken, da einen die Lektüre zwar betroffen und unglaublich wütend zurücklässt, man aber auch beginnt, sich selbst zu hinterfragen, wie man in einer ähnlichen Situation reagieren würde.
Wenn all diese Gedanken und Emotionen durch ein Buch ausgelöst werden, dann ist das für mich ein Zeichen für große Literatur, die jeder, so schmerzhaft es auch sein mag, lesen sollte!

Christian Funke-Smolka