Ryan Gattis: “Das System” (Rowohlt Hundert Augen)

Ryan Gattis: “Das System” (Rowohlt Hundert Augen)

Am 6. Dezember 1993, in der Vorweihnachtszeit, wird die Dealerin Scrappy direkt vor dem Haus ihrer Mutter erschossen. Der Junkie Augie ist Zeuge der Tat, er hat vor Scrappys Türe um Drogen gebettelt. Seine Reaktion: Er raubt der Sterbenden ihre Vorräte und lässt auch noch die Tatwaffe mitgehen; lässt sich ja alles versilbern. Kurz darauf wird er verhaftet und sagt aus, der Mord sei von Wizard und Dreamer begangen worden, zwei Mitgliedern einer Gang. Tatsächlich findet sich bei einer Hausdurchsuchung die Tatwaffe; die beiden wandern in das L.A. County Jail – ein eigener Planet, auf dem das Gesetz des Stärkeren herrscht.

Wizard und Dreamer wissen natürlich, dass ihnen jemand die Tat angehängt hat. Aber vor der Polizei schweigen sie. Während sie ihrem Prozess entgegensehen, soll Dreamers bester Freund Little herausfinden, wer mit der geschickt platzierten Waffe den Verdacht auf die beiden gelenkt hat – und warum.

Ryan Gattis, geboren 1987 in Illinois, lebt in Los Angeles. Sein Roman „In den Straßen die Wut“ war eine internationale Sensation und wird von HBO als TV-Serie adaptiert werden. Die Filmrechte von „Safe“ sind bereits von der 20th Century Fox optioniert.

© Rowohlt / Sam Tenney Photography

Meinung zur Veröffentlichung:

Augustine „Augie“ Patrick Clark ist ein Drogenabhängiger, der bei der Beschaffung nach Stoff Zeuge wird, wie seine Dealerin Lucrecia „Scrappy“ Lucero vor seinen Augen von einem anderen Kriminellen angeschossen wird. Augies Bewährungshelfer Phillip Petrillo sieht hier eine Chance, nicht nur Gerechtigkeit walten zu lassen, sondern gleichzeitig auch seine eigenen Pläne zu verfolgen. Doch dazu muss er ein bisschen nachhelfen…

Ryan Gattis, Jahrgang 1987, ist ein beeindruckender Autor, dem es gelungen ist, sich mit einer überschaubaren Zahl an Romanen einen festen Platz in meiner persönlichen Bestenliste zu erarbeiten. In den Straßen die Wut und Safe waren beeindruckende und auf den Punkt geschriebene Romane, denen er nun mit Das System einen weiteren, mindestens ebenbürtigen Roman nachsetzt. Die im Dezember 1993 / Januar 1994 spielende Geschichte konfrontiert den Lesenden sowohl mit den Mechanismen der Straßen- und Bandenkriminalität in den Vorstädten der Vereinigten Staaten, als auch mit dem Rechtssystem und den Mühlen der Justiz, die einen, ist man erstmal in sie geraten, zermalmen können. Mit einem beeindruckenden Panoramablick präsentiert Ryan Gattis einem sämtliche Aspekte, beginnend bei einem Verbrechen und den Auswirkungen auf die Beteiligten, bis hin zur Festsetzung und den nachfolgenden Abläufen. Schuld oder Unschuld ist dann beinahe Ermessenssache, Gerechtigkeit eine Frage des Blickwinkels. Denn einer der Tatverdächtigen ist schuldig, der andere nicht. Doch wer schenkt einem Glauben, wenn man sich am unteren Ende der gesellschaftlichen Nahrungskette befindet. Der Autor macht es dem Lesenden dabei nicht leicht. Man bekommt hier keinen leicht lesbaren Thriller mit den klassischen Versatzstücken, sondern einen hervorragend recherchierten Roman, der nicht nur vor Hintergrundwissen strotzt und ein erstaunlich detailreiches Bild der frühen 1990er Jahre zeichnet (Gattis hat diese Zeit als Kleinkind erlebt, beschreibt sie jedoch, als sei er Teil des Ganzen gewesen und habe alles hautnah erlebt!), sondern auch stilistisch Zeichen setzt. Denn neben der klassischen Erzählung werden zusätzlich Protokolle, Niederschriften und Zeugenaussagen einstreut, die das Lesen vielleicht nicht unbedingt flüssig gestalten, aber für ein Maximum an Authentizität sorgen. Auch sprachlich unterscheiden sich sämtliche Charaktere. Ein beeindruckend dichtes Bild einer erschreckenden, aber auch fesselnden Reise durch alle Phasen der amerikanischen Strafjustiz.

Das System (Originaltitel: The System, USA 2020) erscheint bei Rowohlt Hundert Augen als gebundene Ausgabe (544 Seiten, 22€) in einer Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke und Michael Kellner. Im Anhang befinden sich ein Glossar mit den Erklärungen zahlreicher im Buch verwendeter Begriffe und Codes, sowie eine Danksagung.

Das System ist eine penibel recherchierte, facettenreich ausgebaute und detailverliebt erzählte Milieustudie, die in allen Punkten ein sehr authentisches Bild zeichnet, bei dem Gut und Böse, Recht und Unrecht lediglich austauschbare Begriffe sind. Eine beeindruckende, nachdenklich stimmende und sehr lesenswerte Odyssee durch das US-amerikanische Rechtssystem. Von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung!   

Christian Funke