Scott Thomas: “Kill Creek” (Heyne)

Scott Thomas: “Kill Creek” (Heyne)

Am Ende einer langen Straße mitten im ländlichen Kansas liegt einsam und verlassen das Finch House. Es ist berüchtigt, schließlich ereilte jeden seiner Bewohner einst ein grausames Schicksal. Könnte es eine bessere Kulisse geben, um die vier erfolgreichsten Horrorautoren der USA zu einem Interview zusammenzubringen und das ganze live im Internet zu streamen? Was als harmloser Publicity-Spaß beginnt, entwickelt sich schnell zum Albtraum für alle Beteiligten. Denn es kommen nicht nur die dunkelsten Geheimnisse der vier Schriftsteller ans Tageslicht, auch das Finch House selbst hütet ein dunkles Geheimnis. Aber anders als die vier Autoren möchte es dieses nicht für sich behalten. Und schon bald gibt es den ersten Todesfall…

Scott Thomas hat an der University of Kansas Englisch und Film studiert. Er ist Co-Creator und Produzent von Disney Channel’s Best Friends Whenever und Disney XD’s Randy Cunningham: 9th Grade Ninja, und hat Fernsehfilme und Teleplays für verschiedene Netzwerke wie MTV und VH1 und sympathische geschrieben. Mit Kill Creek veröffentlicht er seinen ersten Roman. Scott Thomas lebt mit seiner Familie in Sherman Oaks, Kalifornien.

© Heyne & Kimberly Thomas

Meinung zur Veröffentlichung:

Das Böse will nur spielen…

Wainwright ist ein junger Betreiber einer populären Website, die Prominente interviewt. Doch der Erfolg kommt nicht durch die Interviews, sondern die Art und weise, wie diese durchgeführt werden. Denn diese werden an ungewöhnlichen Orten durchgeführt, die Prominenten dabei häufig über bestimmte geskriptete Situationen im Unklaren lässt und diese Videos live im Internet überträgt. Sein neuster Coup sind vier angesagte Horrorautoren, die er für WrightWire in das legendäre Finch House einlädt. Dieses Haus kann auf eine lange, teils sehr unschöne und von Gewalt geprägte Vergangenheit zurückblicken. Nicht umsonst sind die Anwohner der Überzeugung, dass hier die geplagten geister der Vergangenheit ruhelos umherirren. Der ideale Ort, vier Horrorautoren zwei Tage lang für ein Halloween-Special zusammenzubringen…

Was erwartet man von einem Produzenten des Disney Channel’s, der seinen ersten Roman vorlegt? Ganz bestimmt keinen Horrorroman, der im Original aus dem Stand zu einem der besten Genre-Romane 2017 nominiert wird. Scott Thomas, nach eigener Aussage von Stephen King, H.P. Lovecraft, aber auch von den Filmen eines David Lynch oder John Carpenter beeinflusst, zeigt mit seinem ersten Roman Kill Creek ein ausgesprochenes Talent, einer häufig verwendeten Grundidee viele neue Ideen und ein gehöriges Maß an Atmosphäre abzugewinnen. Seine Figuren sind lebendig in ihrer Beschreibung, die Grundstimmung latent unheimlich und zum Schneiden dicht. Da mag man es ihm auch verzeihen, dass sich in den Beschreibungen die eine oder andere Länge eingeschlichen hat, denn gut lesbar ist Kill Creek trotzdem auch in solchen Passagen. Deutlich merkt man ihm die Faszination für den klassischen Spukhaus-Grusel, aber auch dem moderneren Horrorgenre an, so dass wir hier ein unterhaltsames Spiel mit den gängigen Versatzstücken haben, welche er erstaunlich virtuos zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügt und dabei die Grenzen des klassischen Spukhausromans in alle Richtungen ausdehnt. Auch wenn ihm Shirley Jackson’s The Haunting of Hill House offensichtlich ein großes und die Geschichte massiv beeinflussendes Vorbild war, gelingt es ihm, dem Roman genug Eigenständigkeit zu geben, um den Fan mit unerwarteten Wendungen zu überraschen und zu überzeugen.

Kill Creek (Originaltitel: Kill Creek, USA 2017) erscheint in einer Übersetzung aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz als broschiertes Paperback bei Heyne (544 Seiten, €14,99). Im Anhang befindet sich eine sehr persönliche und sympathische Danksagung des Autors.

Es dauerte über zehn Jahre, bis Drehbuchautor und TV-Produzent Scott Thomas sein Romandebüt vollenden und veröffentlichen konnte. Die lange Zeit hat sich gelohnt, denn Kill Creek ist ein trotz seiner doch sehr bekannt wirkenden Story überraschender, atmosphärisch dichter Horrorroman, der von seinen Charakteren, den detailverliebten Beschreibungen und dem Know-how des Autors lebt. Hervorragende und gut lesbare Urlaubslektüre, die ich nahezu uneingeschränkt empfehlen kann.

Christian Funke