Sebastião Salgado: “Gold” (TASCHEN)

Sebastião Salgado: “Gold” (TASCHEN)

Nachdem man 1979 in einem der Flüsse der Gegend Gold entdeckt hatte, weckte die Serra Pelada Sehnsüchte nach dem legendären Goldland El Dorado. Ein Jahrzehnt lang war sie die weltgrößte Freiluftgoldmine, in der unter unmenschlichen Bedingungen rund 50.000 Goldgräber arbeiteten. Heute ist Brasiliens Goldrausch nur noch Stoff für Legenden, am Leben erhalten durch wenige glückliche und viele schmerzliche Erinnerungen – und die Fotografien von Sebastião Salgado.

Im September 1986 erhielt Salgado endlich die Genehmigung, Serra Pelada zu besuchen – sechs Jahre lang hatten ihm brasilianische Militärbehörden den Zugang verweigert. Auf das außergewöhnliche Schauspiel, das ihn auf dieser abgelegenen Bergkuppe am Rande des Amazonas-Regenwalds erwartete, war er allerdings nicht gefasst. Vor seinen Augen tat sich ein gewaltiges Loch auf, mit einem Durchmesser von rund 200 Metern und ebenso tief, in dem Zehntausende notdürftig bekleidete Männer wie Ameisen schufteten. Die Hälfte von ihnen schleppte bis zu 40 Kilo schwere Säcke über hölzerne Leitern nach oben, die anderen sprangen an schlammigen Böschungen hinunter in den höhlenartigen Schlund, Körper und Gesichter ockerfarben von der eisenerzhaltigen Erde, die sie ausgeschachtet hatten…

Der Fotograf und Autor

Sebastião Salgado begann 1973 seine berufliche Karriere als Fotograf in Paris und arbeitete in der Folge für die Fotoagenturen Sygma, Gamma und Magnum Photos. Im Jahr 1994 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Lélia Wanick Salgado die Agentur Amazonas images, die sein Werk exklusiv vertritt. Salgados fotografische Projekte wurden in zahlreichen Ausstellungen und Büchern gezeigt, darunter Sahel, L’Homme en détresse (1986), Other Americas (1986), Arbeiter (1993), Terra (1997), Migranten (2000), Kinder der Migration (2000), Africa (2007), Genesis (2013) und Kuwait, Eine Wüste in Flammen (2016).

Herausgeberin und Art-Direktorin

Lélia Wanick Salgado studierte Architektur und Stadtplanung in Paris. Ihr Interesse für die Fotografie entdeckte sie 1970. Seit den 1980er-Jahren konzipiert und gestaltet sie die Mehrzahl der Fotobände von Sebastião Salgado und organisiert alle Ausstellungen seines Werkes. Seit 1994 ist Lélia Wanick Salgado Geschäftsführerin von Amazonas images.

Der Koautor

Alan Riding ist ein in Brasilien geborener britischer Schriftsteller und ehemaliger Auslandskorrespondent der New York Times. Nachdem er die Auslandsbüros der Zeitung in Mexiko, Brasilien und Frankreich geleitet und auch als Kunstkorrespondent in Europa gearbeitet hat, schreibt er heute vornehmlich für das Theater. Wie Sebastião Salgado, mit dem er seit den frühen 1980er-Jahren befreundet ist und zusammenarbeitet, lebt er heute in Paris.

© TASCHEN

Meinung zur Veröffentlichung:

Der Ruf des Goldes

Sebastião Salgados Portfolio des brasilianischen Goldrauschs

Die Serra Pelada ist ein brasilianisches Dorf im Südosten von Pará. In den späten 1970’ern fand man bei mineralogischen Untersuchungen größere Goldmengen, was schnell eine Invasion von 80.000 bis hin zu einer halben Million Goldgräbern auslöste. Landlose Bauern und Glücksjäger fielen wie eine Plage in der Serra Pelada ein, bauten unkontrolliert Hüttenkolonien und gruben mit Schaufeln und Spitzhacken 120 Meter tiefes und 300 Meter breites Loch, um das Gold zu finden. Der dadurch ausgelöste Goldrausch gilt als der größte Lateinamerikas und einer der größten des 20. Jahrhunderts nach dem legendären Klondike-Goldrausch in Alaska.

Sebastião Salgado wollte dieses Treiben fotografisch festhalten, wurde jedoch durch die brasilianische Militärregierung daran gehindert. Erst im September 1986 erhielt er die Gelegenheit, sich vor Ort ein Bild zu machen und Fotos für sein aktuelles Projekt „Arbeiter: Zur Arächologie des Industriezeitalters“ zu machen.

Als Salgado diese Aufnahmen machte, dominierten Farbfotos die Hochglanzseiten der Magazine. Schwarz-Weiß war somit ein gewagtes Unterfangen, doch seine eindringliche Fotostrecke zur Goldmine der Serra Pelada führte zur Rückbesinnung auf die monochrome Fotografie. Damit knüpfte sie an eine Tradition an, die in den frühen und mittleren Jahren des 20. Jahrhunderts von Meistern wie Edward Weston, Brassaï, Robert Capa oder Henri Cartier-Bresson begründet worden war. Als Salgados Bilder beim New York Times Magazine eintrafen, geschah etwas Außergewöhnliches: Es herrschte vollkommene Stille. „In meiner ganzen Karriere bei der Times“, erinnerte sich Fotoredakteur Peter Howe, „habe ich niemals erlebt, dass Redakteure so auf eine Serie von Bildern reagierten wie auf die Aufnahmen von Serra Pelada.“

Heute, da die Fotografie von der Kunstwelt und von digitaler Manipulation vereinnahmt wird, begeistert Salgados Portfolio mit einer geradezu biblischen Qualität, sowie einer Unmittelbarkeit, die seinen Bildern zugleich etwas ausgesprochen Zeitgenössisches verleiht. Die Mine in Serra Pelada ist längst geschlossen, doch das bittere Drama des Goldrauschs springt den Betrachter aus jedem dieser Bilder immer noch an. Salgados Fotografien sind heute noch genauso beängstigend intensiv wie bei ihrer Erstveröffentlichung und zeigen, wozu Menschen auf der Suche nach Reichtum und Glück in der Lage sind.

Was hat dieses leblose gelbe Metall nur an sich, dass es die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen, all ihre Habe zu verkaufen und einen ganzen Kontinent zu durchqueren, um ihr Leben, ihre Knochen und ihre Gesundheit für einen Traum aufs Spiel zu setzen?“

Sebastião Salgado

TASCHEN veröffentlicht Gold als großes, gebundenes Hardcover (24,8 x 33 cm, 208 Seiten, 50 €). Dieses enthält das vollständige Serra-Pelada-Portfolio in großformatigen Reproduktionen, ein dreisprachiges Vorwort des Fotografen, sowie einen ebensolches Essay von Alan Riding. Ansonsten sind die Fotografien ohne erklärende Texte und sprechen in ihrer Bildgewalt für sich.

Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels zeigt mit seinen sich in das Gedächtnis brennenden Bildern das Zeitalter des Goldrauschs und liefert gleichzeitig verstörende wie poetische Aufnahmen, die den Phantasien eines Hieronymus Bosch entliehen sein könnten. Unfassbare Bilder mit einer Kraft, die lange nachklingt.

Christian Funke