Stephen King: „Das Institut“ (Heyne)

Stephen King: „Das Institut“ (Heyne)

In einer ruhigen Vorortsiedlung von Minneapolis ermorden zwielichtige Eindringlinge lautlos die Eltern von Luke Ellis und verfrachten den betäubten Zwölfjährigen in einen schwarzen SUV. Die ganze Operation dauert keine zwei Minuten. Luke wacht weit entfernt im Institut wieder auf, in einem Zimmer, das wie seines aussieht, nur dass es keine Fenster hat. Und das Institut in Maine beherbergt weitere Kinder, die wie Luke paranormal veranlagt sind: Kalisha, Nick, George, Iris und den zehnjährigen Avery. Sie befinden sich im Vorderbau des Instituts. Luke erfährt, dass andere vor ihnen nach einer Testreihe im »Hinterbau« verschwanden. Und nie zurückkehrten. Je mehr von Lukes neuen Freunden ausquartiert werden, desto verzweifelter wird sein Gedanke an Flucht, damit er Hilfe holen kann. Noch nie zuvor ist jemand aus dem streng abgeschirmten Institut entkommen.

Stephen King wurde am 21. September 1947 in Portland, Maine, geboren. Er zählt zu den erfolgreichsten Autoren des späten 20. Jahrhunderts. Insgesamt hat der vielfach ausgezeichnete Bestsellerautor über 40 Romane, über 100 Kurzgeschichten, Novellen, Drehbücher, Gedichte, Essays, Kolumnen und Sachbücher veröffentlicht. Ende 2003 erhält Stephen King den »National Book Award« für sein Lebenswerk. Weltweit hat er 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Mit seiner Frau Tabitha lebt er in Bangor, Maine. Stephen King hat eine Tochter und zwei Söhne.

© Heyne

Meinung zur Veröffentlichung:

„Laugh about it, shout about it

When you’ve got to choose

Ev’ry way you look at it you lose.”

Paul Simon

Tim Jamieson ist ein ehemaliger Polizist, der seinen Job wegen einer unglücklichen Verstrickung von Umständen verlor. Nun lässt er sich beruflich wie persönlich treiben, bis es ihn in das verschlafene Nest DuPray verschlägt, wo er eine Anstellung als sogenannter Nachtklopfer, quasi ein der örtlichen Polizei unterstellter Nachtwächter, annimmt. Je länger er diese Arbeit ausführt, desto besser gefällt ihm die idyllische Kleinstadt. Doch diese Beschaulichkeit wird kein dauerhafter Zustand bleiben…

Gleichzeitig beschließt der zwölfjährige hochbegabte Luke Ellis, dass ihn die Privatschule für speziell begabte junge Menschen nicht mehr fordert und er besser Englisch und Ingenieurwissenschaften studieren soll. Doch als eines Nachts ein schwarzer SUV in seine Straße einbiegt, wird sich auch sein Leben grundlegend verändern.

Einen guten Autor zeichnet es aus, wenn er sich die Zeit nimmt, seiner Geschichte den Raum zur Entfaltung zu schaffen. Hier erweist sich Stephen King mit fortschreitendem Alter als ein immer souveräner agierender, detailverliebter Autor, der ein Faible dafür hat, seine Figuren mit kleinen Anekdoten und erzählerischen Ausflügen lebendig werden zu lassen und dabei trotz einer spürbaren Entschleunigung ein inhaltliches Fundament zu bauen, welches der Geschichte später zugutekommt. Denn auch wenn inhaltlich nicht viel passieren mag, zeigt er das Talent eines begnadeten Erzählers, der es liebt, seine Geschichten genüsslich auszubreiten und damit zu unterhalten. Denn es macht Spaß, ihm auf seinen Ausflügen zu folgen. So wird eine Verbindung zwischen den Lesern und den fiktiven Figuren geschaffen, deren Tragfestigkeit man erst spürt, wenn der Autor einen unvorbereitet in den Abgrund stößt, oder wie er es im Roman beschreibt, die Hölle losbrechen lässt.

Erneut widmet er sich in Das Institut den Kindern mit speziellen Fähigkeiten. Diese werden aus ihrer gewohnten Umgebung entführt und in das Institut gebracht, wo man ihre speziellen Fähigkeiten erforschen möchte. Dabei lebt das Buch weniger von den sehr ausführlichen Beschreibungen der Zustände in dieser Einrichtung, sondern vielmehr von den im Vorfeld sehr sorgfältig aufgebauten Charakteren, die einem schnell ans Herz gewachsen sind. Es ist der Kunstgriff Kings, subtil das Grauen in den Alltag einfließen zu lassen, und den Leser so in seinen Bann zu ziehen. Erfreulicherweise spart King auch hier wieder nicht mit Verweisen und Anspielungen auf seine früheren Romane. So erinnert die Geschichte nicht von ungefähr an seinen früheren Roman Feuerkind, aber auch kleinere Anspielungen, die nur King-Vielleser erkennen, findet man an vielen Stellen (der Hinweis auf die Geschehnisse in Salems Lot, die Erwähnung der Zwillinge aus Shining, die Kinder erinnern an den Club der Verlierer aus ES, usw.). Deutlich merkt man dem Autor seine schriftstellerischen Ursprünge und Inspirationen an, gelingt es ihm, klassischen Horror, 50er-Jahre-Paranoia und moderne Schreckensliteratur zu einem stimmigen Ganzen zu vereinen und dabei trotzdem angenehm bodenständig und sozialkritisch zu bleiben. Erneut spart er nicht mit deutlicher Kritik an den derzeitigen politischen Verhältnissen in den USA, siedelt seine Figuren in der Mittel- und Unterschicht an und zeigt erneut, dass er sein Herz am rechten Fleck trägt.

Das Institut (Originaltitel: The Institute, USA 2019) erscheint bei Heyne in einer Übersetzung aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt. Neben dem mir zur Ansicht vorliegenden Hardcover mit Schutzumschlag (768 Seiten, €26) gibt es noch das eBook und das Hörbuch. Nach dem Roman befindet sich noch ein sehr persönliches und emotionales Nachwort des Autors.  

Stephen King ist eines der Urgesteine moderner Horrorliteratur, kann mit seinen mittlerweile 72 Jahren aber nicht zum alten Eisen gezählt werden. Denn mit seinen geschliffenen Geschichten gelingt es ihm bei einem erstaunlich hohen Output, die Konkurrenz locker abzuhängen und mit jedem Roman zu zeigen, warum er weiterhin der unangefochtene Meister des Horrorromans ist. Auch Das Institut ist ein Roman, der vor Lust an der Erzählung sprüht, von lebendigen und authentischen Figuren bevölkert ist und gleichzeitig eine unerbittliche Spannung aufbaut. Ein echter Pageturner, den ich jedem Fan unbedingt empfehlen kann!      

Christian Funke