Stephen King: “Der Outsider”  (Heyne)

Stephen King: “Der Outsider” (Heyne)

Im Stadtpark von Flint City wird die geschändete Leiche eines elfjährigen Jungen gefunden. Augenzeugenberichte und Tatortspuren deuten unmissverständlich auf einen unbescholtenen Bürger: Terry Maitland, ein allseits beliebter Englischlehrer, zudem Coach der Jugendbaseballmannschaft, verheiratet, zwei kleine Töchter. Detective Ralph Anderson, dessen Sohn von Maitland trainiert wurde, ordnet eine sofortige Festnahme an, die in aller Öffentlichkeit stattfindet. Der Verdächtige kann zwar ein Alibi vorweisen, aber Anderson und der Staatsanwalt verfügen nach der Obduktion über eindeutige DNA-Beweise für das Verbrechen – ein wasserdichter Fall also?

Bei den andauernden Ermittlungen kommen weitere schreckliche Einzelheiten zutage, aber auch immer mehr Ungereimtheiten. Hat der nette Maitland wirklich zwei Gesichter und ist zu solch unmenschlichen Schandtaten fähig? Wie erklärt es sich, dass er an zwei Orten zugleich war? Mit der wahren, schrecklichen Antwort rechnet schließlich niemand.

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem »Edgar Allan Poe Award« den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag, zuletzt die Spiegel-Bestseller Mind Control und (zusammen mit Owen King) Sleeping Beauties.

© Heyne & Shane Leonard

Meinung zur Veröffentlichung:

„Das Denken verleiht der Welt einen dürftigen Anschein von Ordnung, falls man so schwach ist, sich von seinem Schauspiel überzeugen zu lassen.“

Colin Wilson, „Das Reich der Blinden“

Der US-amerikanische Schriftsteller Stephen King erweist sich auch in seinem neuen Roman Der Outsider als ein begnadeter Erzähler, dem man es anmerkt, dass es ihm Vergnügen bereitet, sich nicht mehr um Vorgaben oder Erwartungen scheren zu müssen. Stattdessen wechselt er virtuos die Genres und beweist (wie bereits in der Bill Hodges-Trilogie), dass er sich auch im Bereich des klassischen Thrillers souverän zu bewegen versteht. In Der Outsider erzählt er die grausame Geschichte der brutalen Vergewaltigung und Ermordung des elfjährigen Frank Peterson. Ein Tatverdächtiger ist schnell gefunden: der allseits beliebte Coach der Jugendbaseballmannschaft Terry Maitland. Denn neben zahlreichen Augenzeugen gibt es offensichtlich auch DNA-Spuren am Tatort. Für den ermittelnden Detective Ralph Anderson und sein Team reicht dies aus, um Coach T., wie er allgemein genannt wird, im großen Stil zu verhaften. Doch was macht man, wenn der vermeintliche Zeuge sich zum Tatzeitpunkt an einem anderen Ort befunden hat?

Stephen King konzipiert mit seinem neusten Roman einen klassischen Thriller, der sich stilistisch nicht nur von seinem bisherigen Werk unterscheidet, sondern sich deutlich an den großen Akteuren der Thriller-Literatur orientiert. So gibt es neben einigen dem King-Fan schon aus der Hodges-Trilogie bekannten Nebenfiguren auch immer wieder Anspielungen an populäre Thriller-Autoren, am deutlichsten noch in der inhaltlich relevanten Lesung des Schriftstellers Harlan Coben. Stilistisch nüchtern, anfangs unterbrochen von Vernehmungsprotokollen, gelingt es King, ein schleichendes Gefühl des Unheimlichen zu erzeugen, welches nicht nur auf die Grausamkeit der Tat, sondern vermehrt auf der Unklarheit der Umstände fußt. Dabei liegt der Schwerpunkt erneut auf der Entwicklung der unterschiedlichen Charaktere, die auf der King-typischen Weise ausgearbeitet und weiterentwickelt werden. Erneut zeigt uns der Autor, dass uns der wahre Schrecken jederzeit begegnen kann und die vermeintliche alltägliche Realität lediglich Fassade ist. Dabei bietet auch Der Outsider viele überraschende Wendungen, bei denen sich die losen Handlungsfäden langsam verbinden.

Stephen King „Der Outsider“, gelesen von David Nathan – Hörprobe

 

 

Der Outsider (Originaltitel: The Outsider, USA 2018) erscheint bei Heyne in einer Übersetzung aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt als ansprechend gestaltete, gebundene Ausgabe mit Lesezeichenband (752 Seiten, € 26,00). Im Anhang befindet sich eine kurze Nachbemerkung des Autors.

Mit Der Outsider liefert King einen Roman voller politischer und gesellschaftlicher Metaphern, der sich sowohl als verzerrtes Spiegelbild eines gegenwärtigen Amerikas, aber auch als klassischer Grusel-Thriller lesen lässt. Ein stilistisch sehr bodenständiger, inhaltlich abwechslungsreicher und deshalb lesenswerter Roman eines Schriftstellers, der sich auch im fortgeschrittenen Alter mit beeindruckender Gelassenheit weiterhin im erzählerischen Gleichgewicht befindet.

Christian Funke